← Zurück zur Titelseite Technologie

GLAS UND SCHATTEN: WIE ALGORITHMEN IM NAHEN OSTEN DISSENS JAGEN

10. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

TEHERAN/RIAD — Die Drähte summen. Diesmal nicht zwischen Kontinenten, sondern zwischen Servern und Angst. Im Iran und in Saudi-Arabien entsteht ein System digitaler Kontrolle, das westliche Sicherheitsbehörden blass aussehen lässt — und das kein Parlament je genehmigt hat. Ich übersetze, was die Frequenzen hergeben. Es klingt nach Stille, gemeint ist das Gegenteil.

Beginnen wir mit dem, was wir hören können. Im September 2022, als der Iran nach dem Tod der Kurdin Mahsa Amini brannte, fuhr die Regierung das Internet nicht in Tagen, sondern in Stunden herunter. Nicht ein Kolben, eine Zündung — sondern chirurgisch. Das nennt sich Smart Filtering, entwickelt von iranischen Ingenieuren, betrieben auf der National Information Network. Datenpakete werden in Echtzeit sortiert. Erlaubt ist, was nützt. Verboten ist, was wachhält. Wer den Stecker zieht, übt keine Zensur — er kuratiert die Wirklichkeit.

Parallel: die VPN-Sperren. Wer sich heute ins freie Netz krallt, muss wissen, dass klassische Tunnel nicht mehr reichen. Deep Packet Inspection erkennt verschleierten Traffic, KI-Filter lernen mit jedem Klick. Katz und Maus, nur hat die Katze die größere Datenbank. Anbieter wie Psiphon oder obfs4 werden erkannt, gefiltert, geblockt. Die Liste wöchentlich. Die Spiele sind asymmetrisch.

Saudi-Arabien geht einen anderen Weg. Hier ist es nicht die Mauer, hier ist die Verführung. Die App Absher, offiziell, kostenlos, auf jedem zweiten Smartphone — erlaubt es männlichen Vormunden, die Reisen weiblicher Angehöriger zu genehmigen, ihren Aufenthaltsort zu verfolgen, Alarme zu setzen, wenn die Frau die Grenze des Erlaubten verlässt. Kein Aufseher nötig. Die Aufsicht wohnt im Gerät. Westliche Diplomaten nennen das Bequemlichkeit. Frauenrechtler nennen es das, was es ist: digitale Kuratel.

Und dann ist da Pegasus. Die Software der israelischen NSO Group, verkauft an Regime, die Journalisten im Konsulat zerlegen. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren über hundert Fälle, in denen Aktivisten, Anwälte und Reporter ausspioniert wurden. Die NSO behauptet, man liefere ausschließlich an Strafverfolgungsbehörden. Strafverfolgung ist eben Definitionssache, und Definitionssache entscheidet das Geld.

Wer kontrolliert das? Lokale Eliten, die in den Golfstaaten zwischen Kronjuwelen und Cloud-Servern jonglieren. Eine neue Klasse von Tech-Unternehmern, ausgebildet in Stanford, zurückgekehrt nach Riad, die westliche Überwachungswerkzeuge in lokale Rechtsrahmen gießen. Projekte wie NEOM, die lineare Stadt am Roten Meer, sind nicht nur Stadtplanung — sie sind das größte urbane Testlabor für biometrische Erfassung, das die Welt je gesehen hat. Gesicht, Gang, Stimme. Alles Sensor. Alles Datenpunkt.

Hinzu kommen die Lieferketten. Huawei liefert 5G-Infrastruktur in den Iran, trotz aller Sanktionen über Drittländer. Europäische Anbieter biometrischer Systeme verkaufen an die Grenzbehörden der Emirate. Amerikanische Cloud-Dienste hosten Daten saudischer Behörden, die wenig später gegen Aktivisten verwendet werden. Die Komplizenschaft ist keine Vermutung, sie ist Geschäftsmodell.

Die offenen Fragen, die niemand stellt: Welche rechtliche Legitimation trägt ein Sozialscoring-System, das in Teheraner Cafés pilotiert wird? Wer genehmigt den Algorithmus, der über Wohlverhalten entscheidet? Was passiert mit den Daten von Millionen, wenn morgen eine andere Regierung an die Macht kommt? Und vor allem: wer zahlt den Preis? Die Aktivistin, die in der Drohne verschwindet. Die Anwältin, deren Mandant auf der Sanktionsliste steht. Die Frau, die auf der Straße singt und am nächsten Tag im digitalen Register als Risiko geführt wird.

Vorsicht bei den Quellen. In den vergangenen Monaten tauchten angebliche Leaks aus iranischen Sicherheitsbehörden auf — Datenbanken, interne Mails, Namen. Schön sortiert. Schön platziert. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um gesteuerte Veröffentlichungen handelt, um die Opposition zu kartieren, vielleicht sogar um Spitzel zu installieren. Originaldokumente müssen unabhängig verifiziert werden, bevor sie als Beweis gelten. Vertrauen ist eine Währung, die hier niemand druckt.

Die Drähte summen weiter. Wer zuhört, hört das Klicken von Tastaturen, die über Leben entscheiden. Es riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Es ist die Ästhetik von 1937, die Mechanik von morgen. Und wer heute nicht hinschaut, dem wird morgen die Wahl aus dem Gerät geschnitten — leise, effizient, endgültig.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite