Handschuhleise ins Verderben: Das Schachspiel des Jahres 1937
Es gibt Jahre, in denen die Geschichte ihre Handschuhe überzieht. 1937 war ein solches Jahr. Wer damals in Genf an einem Konferenztisch saß — und ich saß dort, am Rand, in der zweiten Reihe, da, wo die Protokolle geführt werden und die Wahrheit in den Nebensatz flüchtet —, der roch bereits das Leder, den polierten Marmor und das Parfüm der Lügen.
Die Welt spielte Schach. Und jeder Spieler wusste, dass die Partie längst verloren war, bevor der erste Bauer gezogen wurde. Dennoch spielte man weiter. Man nannte es Diplomatie.
In diesem Jahr unterschrieb Japan seine Verträge mit blauer Tinte und marschierte gleichzeitig über die Marco-Polo-Brücke. Im Juli, als die Diplomaten noch vom Völkerbund redeten wie von einem kranken Verwandten, dem man die letzte Ehre schuldet, griffen kaiserliche Truppen an der Brücke von Lugou zu den Waffen. Die chinesische Regierung flehte um Vermittlung. Man antwortete ihr mit einer Resolution, die so höflich formuliert war, dass sie beinahe wie eine Einladung klang. Beinahe.
Italien hatte den Saal da längst verlassen. Nicht laut, nicht theatralisch — mit der stillen Grazie eines Spielers, der weiß, dass sein König in drei Zügen fällt, und das Spiel lieber ganz verlässt, als es zu Ende zu spielen. Mussolini kehrte 1937 dem Völkerbund den Rücken. Man hatte über Abessinien geredet, über heilige Imperien, über das Schicksal der Zivilisation. Am Ende zählten nur die Gewehre.
In Spanien brannten die Bücher und mit ihnen die Gewissheit, dass Vernunft ein Schutz sei. Guernica lag noch in der Erinnerung wie ein schlecht verheilter Schnitt, als im November desselben Jahres, in einem Arbeitszimmer der Berliner Reichskanzlei, ein gewisser Reichskanzler seine Generäle um einen Tisch versammelte. Das Protokoll dieser Sitzung trägt einen Namen, den nur Eingeweihte kennen: Hossbach-Niederschrift. Wer ihn liest, versteht, was Handschuhe manchmal verbergen. Hitler sprach von Lebensraum, von der Zerschlagung der Tschechoslowakei, von der Angliederung Österreichs. Er sprach leise. Er sprach wie ein Mann, der ein Menü bestellt.
Die Generäle nickten. Nicht weil sie zustimmten, sondern weil sie wussten, dass Widerspruch in diesem Haus eine architektonische Eigenschaft hatte: Man konnte ihn nicht überleben.
In London saßen Männer mit Monokel und fettem Bleistift und rechneten nach, was ein Krieg kosten würde. Sie kamen zu Zahlen, die beruhigten. Chamberlain, Halifax, Simon — Namen wie polierte Türklinken in einem Haus, das längst ausgeräumt war. Man pflanzte Hecken, man empfing Gäste, man sprach von Frieden. Die Sprache war tadellos. Die Hände waren sauber. Die Handschuhe nie abgelegt.
Das Schöne an Schach ist, dass es Regeln hat. Das Furchtbare an Schach ist, dass jemand das Brett umwerfen kann. 1937 bewies beides. Die Regeln galten — nur spielte nicht jeder nach ihnen.
China kämpfte allein. Die Sowjetunion beobachtete. Die Vereinigten Staaten zogen sich in die geographische Distanz zurück wie ein Gentleman, der eine unangenehme Einladung höflich ablehnt. Frankreich nestelte an seiner Maginot-Linie wie eine alternde Dame an ihrem Schmuck, in der leisen Vorahnung, dass beides bald gestohlen werden würde.
Und mittendrin, in den Salons von Genf, in den Botschaften von Prag, in den Korridoren des Quai d'Orsay, saßen Frauen und Männer in guten Anzügen und unterschrieben Papiere. Die Papiere waren wichtig. Sie waren das, was man Historikern später zeigen konnte, wenn die Bomben längst gefallen waren und die Architektur nur noch als Ruine existierte. Man hatte es ja versucht. Man hatte verhandelt. Man hatte die Hand ausgestreckt.
Man hatte die Hand ausgestreckt, ohne den Handschuh abzulegen.
Es gibt ein Geräusch, das nur Diplomaten kennen: das leise Klicken, wenn ein Füllfederhalter auf das Protokollblatt gesetzt wird. Es klingt wie ein Versprechen. Es klingt wie das Zufallen einer Tür, die niemand mehr öffnen wird. 1937 war voll solcher Geräusche. Voll von Männern, die lächelnd logen. Voll von Frauen, die schwiegen und alles wussten.
Ich war eine dieser Frauen. Ich trug Handschuhe. Ich trage sie noch.
Die Eröffnung war gespielt. Das Mittelspiel stand bevor. Und wer das Brett kannte, wusste: Der König steht nie dort, wo man ihn sucht. Er steht immer dort, wo man zuletzt hinschaut.