Haiti 70 Tote duch Bandengewalt
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Dienstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* Also will jemand meine Meinung zu Haiti hören. Zu siebzig Toten im Artibonite-Tal, niedergemetzelt von Männern, die sich Banden nennen, weil das besser klingt als das, was sie wirklich sind: bewaffnete Hunger. Nun, Meinungen sind wie Schnapsgläser in dieser Stadt - jeder hat eins, und die meisten sind leer. zündet sich eine Lucky Strike an Ich erinnere mich, dass mir mal ein Kollege erzählt hat, Haiti sei die erste freie schwarze Republik der Welt gewesen. Siebzehnhundertdreiundneunzig oder so, irgendwas in der Richtung, die Jahreszahlen verschwimmen nach dem dritten Bourbon. Die Sklaven haben sich erhoben, die Franzosen verjagt, und die Welt hat applaudiert - für ungefähr fünf Minuten, bevor sie anfing, Reparationen zu fordern. Reparationen. Dafür, dass man sich seine eigene Freiheit genommen hatte. Frankreich hat zweihundert Jahre lang kassiert. Zweihundert Jahre, in denen das Land blutete, während Paris seine Kaffeehäuser baute. starrt aus dem Fenster Und jetzt, im Jahr des Herrn neunzehnhundert-und-irgendwas, liegen siebzig Menschen im Artibonite-Tal, und die Welt dreht eine weitere Seite um. Das Artibonite-Tal, wo der Reis wächst - oder wuchs, bevor die Banden kamen und entschieden, dass Blut eine bessere Ernte abwirft als Getreide. Siebzig Menschen. Nicht siebzig Aktionäre, nicht siebzig Senatoren. Siebzig Menschen, die morgens aufgestanden sind und dachten: heute pflücke ich Reis, heute trage ich Wasser, heute ist ein normaler Tag. Normale Tage haben in dieser Gegend der Welt eine kürzere Halbwertszeit als mein Tabakvorrat. nimmt einen langen Zug Ich kenne das Muster. Herrgott nochmal, jeder kennt das Muster. Die UNO schickt Resolutionen - die Banden benutzen das Papier vermutlich als Anfeuerungsmaterial. Die internationalen Organisationen halten Pressekonferenzen ab, während die Gangs die Straßen halten. Die Politiker in Port-au-Prince, die noch leben und noch nicht abgehauen sind, reden davon, die Ordnung wiederherzustellen - als wäre Ordnung je der Normalzustand gewesen, seit Toussaint Louverture ins Gras gebissen hat. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung Meine Vermieterin, Mrs. Kowalczyk, hat gestern an meine Tür geklopft und gefragt, ob ich die Zeitung von gestern hätte. Wegen des Kreuzworträtsels. Acht Buchstaben, Kolonisierung - na, da hätte ich ihr was sagen können. Ich hab ihr die Zeitung gegeben und dabei gedacht: die Geschichte Haitis ist kein Kreuzworträtsel. Kein sauberes Kästchen, kein richtiges Wort am Ende. Es ist mehr wie die Seite, die man zerknüllt und in den Papierkorb wirft, weil der Stift immer wieder durchbricht. Siebzig Tote im Artibonite-Tal. Die Bande heißt Viv Ansanm oder irgendein anderer Name, der sich auf Flugblättern gut macht. Viv Ansanm - zusammen leben, auf Kreolisch. schnaubt Ironie ist das billigste Stilmittel der Geschichte, und die Geschichte benutzt es trotzdem andauernd. die Lucky Strike glüht Irgendwo in einem klimatisierten Büro wird gerade ein Bericht geschrieben. Über failed states und fragile democracies und humanitarian corridors. Lange Wörter für eine einfache Wahrheit: die kleinen Leute sterben, die großen Leute schreiben Berichte. Das war in Santo Domingo so, das war in Port-au-Prince so, das ist überall so, wo die Erde reich und die Macht arm an Gewissen ist. Der Bourbon in meiner Schublade ist niedrig. Die Remington wartet auf das Ende dieses Satzes. Und siebzig Familien im Artibonite-Tal warten auf etwas, das nie kommt. schüttelt langsam den Kopf Man nennt das eine Tragödie. Ich nenne das einen Dienstag.