Heizgesetz begraben, Talkshow unbeerdigt
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Es gibt Diagnosen, die wiederholen sich wie schlecht geeichte Thermometer. Da verkündet eine Bundesregierung das Ende des sogenannten Heizungsgesetzes, Eckpunkte einer neuen Lösung werden festgelegt — und am nächsten Abend sitzt das Land vor dem Bildschirm und lässt sich von einem Moderator erklären, warum alles ein Drama sei. Weniger die Sache. Mehr das Gefühl.
Dass Johannes Volkmann, Enkel eines Mannes, der selbst einmal Kanzler war, dem ZDF-Mann Markus Lanz genau dies vorwirft, hat Methode. Zu viel Emotion, zu wenig Sachfrage, sagt der Jungpolitiker. Er hat, hört man heraus, keine Lust mehr auf die komische Metaebene, auf der seit Jahren über Politik geredet wird, als wäre sie eine Wetterlage. Wer langfristig denkt, der weiß: Der Reformstau, der Deutschland heute lähmt, hat Wurzeln, die bis in die Neunzigerjahre reichen. Bürokratie eindämmen. Digitalisierung wagen. Rente und Gesundheit auf eine alternde Gesellschaft einstellen. Kohl hat es nicht getan. Seine Erben lamentieren. Sein Enkel spricht es aus.
Was hat das mit dem Heizungsgesetz zu tun? Alles. Wer eine Wärmepumpe vorschreibt, ohne zu fragen, wer sie bezahlt, in welcher Straße sie steht, mit welchem Strom sie läuft — der betreibt keine Energiepolitik, sondern Symbolpolitik. Das Gesetz war ein Laborversuch im Freiland. Die Probanden waren Bürger mit Eigenheim, Mieter in Altbauten, Handwerker ohne Kapazität. Gemessen wurde am Ende vor allem, wie laut man klatscht, wenn es warm bleibt. Ob es warm bleibt, war Nebensache.
Habecks Heizungstherapie ist nun beerdigt. Die neue Regierung legt Eckpunkte vor. Was steht drin? Genau das, was in solchen Papieren steht — Absichtserklärungen, Übergangsfristen, Ausnahmen für Bestandsgebäude, Förderfenster, die sich öffnen und schließen wie Drehtüren. Gemessen wurde wenig. Bezahlt werden soll viel. Wer das bezahlt, ist eine Frage, die in Talkshows niemand stellt, weil sie kein gutes Bild abgibt.
Ich bin Wissenschaftler gewesen, nicht dreißig Jahre, weil man an Wunder glaubt. Ich habe gesehen, wie eine Theorie sauber auf dem Papier stand und im Feld krachend scheiterte, weil niemand die Randbedingungen geprüft hatte. Eine Heizung ist kein Weltraum, aber sie hat mit Physik zu tun. Mit Wärmedämmung, mit Vorlauftemperatur, mit dem Unterschied zwischen einem Neubau in München und einem Reihenhaus in der Lausitz. Wer das gleich behandelt, misst falsch. Wer falsch misst, baut teuer.
Nun also Lanz. Volkmann hat recht, dass Talkshows mehr liefern sollen als Schulterklopfen und Empörung. Er hat auch recht, dass Reformpakete leicht zu zerreden sind, wenn jeder den Fachkommissionen vorgreift. Aber ich notiere auch: Der junge Mann sitzt selbst seit einem Jahr im Bundestag. Ein Jahr. In dieser Zeit kann man lernen, wie ein Ausschuss tickt, wie ein Haushalt entsteht, wie eine Novelle wirklich zustande kommt. Oder man lernt, wie man bei Lanz gut aussieht. Beides ist möglich. Gemessen wird am Ende die Bilanz, nicht das Interview.
Was mich an der Debatte stört, ist nicht die Emotion. Die gehört zur Demokratie wie der Rauch zum Pfeifenkopf — unschön, aber schwer wegzudenken, und die Labore mögen es nicht, weshalb ich jetzt Journalist bin. Was mich stört, ist die Behauptung, irgendjemand habe eine Lösung. Eckpunkte sind keine Lösungen. Sie sind der Anfang vom Anfang. Wer jetzt schon applaudiert, hat das Experiment nicht verstanden. Wer jetzt schon protestiert, auch nicht. Die Heizung wird nicht warm, weil man darüber redet. Sie wird warm, weil jemand rechnet, baut, dämmt, umrüstet — und weil am Ende die Rechnung aufgeht. Für wen, das steht in keinem Eckpunkt.
Ich erinnere mich an Versprechen. Kohls Versprechen von der Wende. Schröders Versprechen von der Agenda. Merkels Versprechen vom "Wir schaffen das". Jedes Mal wurde viel gemessen. Wahlumfragen, Stimmung, Medienresonanz. Selten: das, was am Ende zählte. Die Leute, die mit Heizöl durch den Winter kamen. Die Handwerker, die Aufträge hatten oder nicht. Die Kommunen, die Schwimmbäder schlossen, weil irgendwo ein Gesetz Prioritäten verschob.
Volkmann sagt, Reformen bräuchten Differenzierung. Das ist richtig. Lanz sagt, die Stimmung sei gekippt. Das ist auch richtig. Beides zusammen ergibt noch keinen Plan. Es ergibt eine Talkshow. Und am Ende des Abends geht das Licht aus, und die Heizung bleibt kalt. Oder warm. Je nachdem.
Frage zum Schluss, wie immer: Wenn das Heizungsgesetz begraben ist, die Eckpunkte stehen und Lanz trotzdem weiterfragt — wer misst eigentlich, ob am Ende jemand friert?