Bilder, die niemand kontrolliert: Pristina marschiert, Athen schweigt
Hunderte. Bürger, Aktivisten, Diplomaten. Sie gingen durch Pristina, die zehnte Pride-Parade, und die Hauptstadt des Kosovo war an diesem Tag nicht die kleine Poststation, als die man sie auf den meisten Landkarten noch immer führt. Sie war Bühne. Zehntes Jubiläum in einem Staat, der selbst noch um Anerkennung kämpft. Das ist kein Zufall, das ist Programm. Wer mitmarschiert, macht sich sichtbar. In einer Region, in der Sichtbarkeit ein Risiko ist.
In Belgrad schauen sie hin. In Athen auch. Aus unterschiedlichen Gründen.
Pristina hat ungefähr zweihunderttausend Einwohner. Wenn dort einmal im Jahr Hunderte auf die Straße gehen, kennt jeder am Montag jeden, der dabei war. Der Bäcker weiß es, der Beamte im Meldeamt weiß es, der Nachbar weiß es. Gerade deshalb wiegt diese Parade schwer. Sie ist keine Schaufensterveranstaltung für ausländische Kameras, sie ist eine Ansage an die Nachbarn, an die Verwandtschaft, an die eigene Bevölkerung. Wer hier Flagge zeigt, steht am nächsten Tag auf dem Marktplatz und schaut den Leuten ins Gesicht.
Die Diplomaten, die mitliefen, gewannen ein Foto für ihre Akten. Die Aktivisten vor Ort gewannen etwas anderes, einen Schritt vor die Tür, ein sichtbares Ich, das sich nicht wegduckt. Das ist der alte Handel: Wer sich zeigt, riskiert etwas. Wer sich nicht zeigt, hat schon verloren.
Denn Athen hat eigene Sichtbarkeitsprobleme. Die Fälle von nicht-einverständlichem Teilen intimer Bilder steigen. Das ist die neue Spielart des alten Spiels. Eine Aufnahme entsteht im vermeintlich privaten Rahmen, wird weitergegeben, landet in Kanälen, die niemand zurückverfolgen kann. Was einmal auf dem Draht ist, ist überall. Die Täter entkommen. Die Opfer werden befragt, was sie denn angezogen hätten. Das sind die alten Fragen in neuer Verpackung. Das Patriarchat hat kein Update bekommen. Es läuft auf dem alten Betriebssystem weiter, mit dem alten Code, und niemand traut sich, es neu zu schreiben.
Wer kontrolliert das, wer profitiert, wer zahlt den Preis. Immer dieselbe Frage. Hier sind die Profiteure jene, die das Material besitzen oder weiterleiten. Sie tragen kein Risiko. Sie sind unsichtbar. Das Opfer ist nackt, im doppelten Sinne, und schaut in ein Gericht, das nicht vorbereitet ist. Das Gesetz ist neu, die Praxis ist alt. Die Bullen fragen, warum das Foto überhaupt gemacht wurde. Die Richter zögern. Die Täter verschwinden.
In Athen sitzt derzeit auch ein Palästinenser in Untersuchungshaft, dem Verbindungen zur Hamas vorgeworfen werden. Der Prozess steht aus. Es geht um Sicherheit, sagen die einen. Es geht um eine Gesetzeslücke, sagen die anderen. Beides kann wahr sein. Die Maschine, die in solchen Fällen anspringt, kenne ich: Verdacht, Haft, Verhandlung, irgendwann ein Urteil, irgendwann vielleicht eine Abschiebung. Die Frage ist nicht, ob das Recht gilt, sondern ab wann ein Verdacht schwer genug ist, um einen Menschen monatelang festzuhalten. Die Frage ist, wer das entscheidet. Die Frage ist, gegen wen so etwas vorrangig läuft. Die Frage ist, warum dieser Fall Aufmerksamkeit bekommt und andere nicht.
Manchmal frage ich mich, ob die Maschinen, die wir bauen, nicht immer dieselben bleiben. Ein Telegraph, ein Telefon, ein Funksender, ein Radar, eine Kamera, ein Smartphone, ein Server in einem Land, dessen Namen niemand kennt. Jedes Mal versprachen sie uns, die Welt werde damit sicherer, näher, besser. Jedes Mal wurde die Macht nur an andere verteilt. Jedes Mal blieben die Tasten in denselben Händen.
Dario Ristic. Merken Sie sich den Namen. Ein Mann, der sich durch einen russischen Pass der Strafverfolgung entzog. Das ist keine Geschichte aus einem Roman, das ist ein Fall, der zeigt, wie Pässe zu Werkzeugen werden. Wer den richtigen Pass besitzt, verschwindet. Wer den falschen hat, bleibt sichtbar. Sichtbarkeit ist in dieser Welt keine Tugend, sie ist eine Gefahr. Wer unsichtbar ist, kann nicht belangt werden. Wer sichtbar ist, kann nicht verbergen.
In Pristina waren sie sichtbar. Freiwillig, mit Transparenten, unter Polizeischutz vermutlich, aber sichtbar. In Athen sind andere sichtbar, ohne es zu wollen. Ihre intimsten Bilder laufen durch Gruppenchats, durch Foren, durch dunkle Kanäle, die Algorithmen füttern. Sie werden beurteilt, ohne gehört zu werden. Sie sind sichtbar als Objekt, unsichtbar als Mensch.
Die Technologie ist nicht neutral. Sie war es nie. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und wenn ich die Drähte abhöre, höre ich immer dasselbe: Jede neue Frequenz bringt neue Machtverteilung. Wer das Bild besitzt, besitzt die Erzählung. Wer die Erzählung besitzt, besitzt die Stadt. Wer die Stadt nicht besitzt, marschiert durch sie hindurch und hofft, dass es reicht.
Pristina feiert zehn Jahre Sichtbarkeit. Athen kämpft mit Sichtbarkeit, die niemand bestellt hat. Beides ist politisch. Beides ist technologisch. Beides ist die Frage, wer am Ende das Bild besitzt.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze.