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Indien rollt zurück: Wie die transsexuelle Gemeinschaft wieder unsichtbar wird

16. April 2026 — — — M. Silber

Es begann mit einem Gesetz. Nicht mit Gewalt, nicht mit Schreien – sondern mit einem Paragrafen, der langsam, aber sicher die Rechte von Millionen Menschen auslöschte. In Indien, wo die transsexuelle Gemeinschaft nach Jahrzehnten des Kampfes 2019 endlich das Transgender Persons (Protection of Rights) Act durchsetzte, um Anerkennung und Schutz zu erlangen, wird jetzt zurückgedreht. Die Fortschritte der letzten Jahre sind nicht nur gebremst – sie werden zertreten.

Es ist kein Zufall, dass die Angriffe auf die Rechte von Transpersonen mit der Wahl von Narendra Modis Regierung einhergehen. Die National Commission for Protection of Child Rights (NCPCR) veröffentlichte 2025 einen Bericht, der alarmierende Zahlen aufdeckte: Über 60 % der transsexuellen Frauen in Indien berichten von Diskriminierung bei der Arbeitssuche, 40 % wurden in den letzten zwölf Monaten körperlich oder sexuell misshandelt. Doch die Regierung reagiert nicht mit Schutzmaßnahmen, sondern mit Gesetzen, die Transpersonen wieder in die Marginalisierung drängen.

Der Transgender Act von 2019 war ein zahnloser Tiger. Schon damals kritisierten Aktivist:innen, dass das Gesetz mehr Bürokratie als echte Rechte bot: Die Zwangssterilisation wurde zwar offiziell abgeschafft, doch die Praxis der Gender Recognition Certificates (GRC) blieb ein Hindernislauf. Jetzt wird es schlimmer. Die Regierung untergräbt die Selbstbestimmung, indem sie Transpersonen zwingt, sich medizinischen Behandlungen zu unterziehen, um ihre Geschlechtsidentität offiziell anerkannt zu bekommen. Das ist kein Fortschritt – das ist Rückkehr ins 19. Jahrhundert.

Die National Human Rights Commission (NHRC) warnte 2026 vor einer "systematischen Auslöschung" der transsexuellen Gemeinschaft. Doch die Regierung tut so, als gäbe es das Problem nicht. Während in anderen Ländern wie den USA unter Trump ähnliche Angriffe auf LGBTQ+-Rechte stattfinden, bleibt Indiens Vorgehen besonders grausam, weil es sich auf religiöse und kulturelle Argumente stützt. Transpersonen werden als "soziale Störung" dargestellt, als Bedrohung der "traditionellen Familie". Dabei sind sie seit Jahrtausenden Teil indischer Gesellschaften – nur wurde ihre Existenz lange ignoriert oder pathologisiert.

Es gibt keine großen Proteste mehr. Die Aktivist:innen, die einst mit Plakaten durch Delhi marschierten, sind entweder verhaftet, eingeschüchtert oder tot. Die Polizei verweigert Schutz. Die Justiz blockiert Klagen. Und die Medien? Sie berichten nur noch, wenn ein weiterer Fall von Gewalt an Transpersonen bekannt wird – als wäre es ein Unfall, kein System.

Ich erinnere mich an Aarav, eine transsexuelle Frau aus Mumbai, die 2024 versuchte, ihren Namen und ihr Geschlecht im offiziellen Register ändern zu lassen. Die Behörden verlangten nicht nur medizinische Gutachten, sondern auch eine psychologische Begutachtung, als wäre ihre Identität eine Krankheit. Als sie sich weigerte, wurde ihr die GRC verweigert. "Sie sagen, ich sei zu emotional für eine solche Entscheidung", erzählte sie mir mit zitternder Stimme. "Aber wer entscheidet eigentlich, was emotional ist?"

Die Wahrheit ist: Indien hat die Chance verpasst. Während andere Länder wie Argentinien oder Taiwan Transpersonen volle Rechte einräumten, dreht Indien den Spieß um. Die Regierung nutzt die Angst vor "radikalen Ideologien" als Vorwand, um Fortschritte rückgängig zu machen. Doch die Menschen, um die es geht, sind keine Ideologien – sie sind Menschen.

Und sie warten. Auf Gerechtigkeit. Auf Anerkennung. Auf das Recht, einfach nur zu leben, ohne dass der Staat ihnen sagt, wer sie sein dürfen. Aber der Koffer unter meinem Schreibtisch ist leer. Die Papiere, die ich für sie ausfüllen könnte, sind nicht mehr nötig. Denn die Bürokratie hat längst gewonnen. Sie hat sie schon längst verloren.

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