INDIS RETROGRAD — DIE STUMME KATASTROPHE DER TRANSRECHTE
Der Regen klopft gegen die Schreibmaschine, als hätte jemand die Tür zum Jenseits aufgestoßen. In Delhi, wo vor zehn Jahren noch die ersten Gesetze die Rechte transsexueller Menschen als geschützte Minderheit einräumten, wird heute wieder mit dem Besen der Verdrängung gekehrt. Nicht mit einem Knall, nein – leise, wie ein Schuh, der über einen Teppich aus Schweigen gezogen wird. Die National Legal Services Authority hat kürzlich eine „Überprüfung“ der Transgender Persons (Protection of Rights) Act angekündigt. Überprüfung – ein schöner Euphemismus für das, was kommt: Rückbau. Die Transgender Community in Indien, die einst als Vorreiterin einer inklusiven Gesellschaft galt, wird nun wieder zur Gejagten.
Es begann mit den Versprechungen. 2014, als die Supreme Court-Entscheidung NALSA vs. Union of India die Rechte transsexueller Menschen als Grundrecht festschrieb. Plötzlich durften sie sich eintragen lassen, Jobs ergreifen, ohne dass der Staat sie als „krank“ oder „abweichend“ brandmarkte. Die Straßen von Mumbai, die Slums von Kolkata – überall erhoben sich Stimmen: Wir sind nicht krank, wir sind Menschen. Doch jetzt, wo die BJP mit ihrer Hindutva-Rhetorik die Nation in eine neue Ära der „traditionellen Werte“ treibt, wird aus dem Fortschritt ein Albtraum.
Die Act von 2019, die eigentlich Schutz bieten sollte, war von Anfang an ein zahnloser Tiger. Die Quotenregelung für transsexuelle Menschen in der öffentlichen Verwaltung? Ein Hohn – nur 1% der Stellen, und wer kontrolliert, ob diese Quoten wirklich erfüllt werden? Die „De-criminalisierung“ der Homosexualität 2018 war ein Sieg, doch heute wird das LGBTQ+-Netzwerk systematisch ausgegrenzt. In den Bundesstaaten, wo die Shiv Sena oder die Rashtriya Swayamsevak Sangh an der Macht sind, wird transsexuellen Menschen der Zugang zu Hormontherapien verweigert. Die „Rettungsmissionen“*, bei denen transsexuelle Frauen in „Re-Education“-Lagern zwangsversorgt werden sollen, nehmen zu. Die National Human Rights Commission* schweigt. Oder tut so, als höre sie nicht.
Und die internationale Gemeinschaft? Sie schaut weg. Während in den USA Trump mit seiner „Two-Sex“-Doktrin die Rechte transsexueller Menschen auslöscht, findet in Indien eine stillere, aber nicht weniger brutale Kampagne statt. Die Media berichten von „Familienzusammenführung“-Programmen, bei denen transsexuelle Menschen unter Druck gesetzt werden, in ihre „biologischen Rollen“ zurückzukehren. Die Police verhaftet sie für „öffentliche Unzucht“ – ein Relikt aus der Kolonialzeit, das nie wirklich starb. Die Gesellschaft für Menschenrechte warnt vor einer neuen „Epidemie der Selbstmorde“**, doch die Zahlen werden nicht mehr erhoben.
Man könnte sagen: Das ist Indien. Die Römer haben ihre Christen verbrannt, die Nazis ihre Homosexuellen in die Gaskammern geschickt, die USA ihre Native Americans in Reservate gejagt. Jede Gesellschaft braucht Sündenböcke, und heute sind es die transsexuellen Menschen. Sie tragen die Last der Geschichte – die Last derer, die nie dazugehören durften. Doch während die Welt über Kriege und Krisen stöhnt, wird hier eine andere Art von Krieg geführt: der Krieg gegen die Sichtbarkeit.
Und am Ende bleibt nur eine Frage, die niemand beantworten kann: Wenn selbst die Supreme Court-Richter zögern, wenn die UNO schweigt und die Straßen sich leeren – wo bleibt dann die Menschlichkeit?