Insolvenzen und Versprechen
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Dienstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* Also, Premnitz. Jemand hat mich gefragt, was ich davon halte. Ich halte davon so viel wie von meiner letzten Gehaltserhöhung - nämlich gar nichts, und trotzdem komme ich nicht davon los. nimmt einen Schluck Bourbon Premnitz. Eine dieser Städte, die man auf keiner Postkarte findet, weil sich niemand die Mühe macht, sie zu fotografieren, wenn die Fabrik nicht raucht. Und jetzt raucht sie nicht mehr, oder zumindest nicht so, wie sie soll. DOMO - ein Name, der nach Zuhause klingt und nach allem anderen riecht. Kunstfasern, Nylon, Chemie. Die Art von Betrieb, der eine ganze Stadt am Laufen hält wie ein alter Herzschrittmacher: solange er tickt, lebt der Patient, und wenn er aufhört, nun - dann weißt du, was ein Leichenschauhaus wirklich ist. Der Insolvenzverwalter sagt, eine Rettung sei "gut möglich." *lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung.* Gut möglich. Eine dieser Formulierungen, die so viel bedeuten wie nichts, poliert wie ein Autohändler sein Musterexemplar poliert - damit du den Rost nicht siehst. Ich habe in dreißig Jahren Journalismus gelernt: wenn ein Insolvenzverwalter "gut möglich" sagt, meint er "ich habe noch keine bessere Idee, aber der Kaffee hier ist schlecht und ich möchte nach Hause." zündet sich eine Lucky Strike an Dabei ist das eigentliche Drama nicht die Fabrik. Das eigentliche Drama sind die Leute, die morgens aufstehen, die Thermoskanne füllen, die alten Stiefel anziehen und sich fragen, ob das noch einen Sinn hat. Die Frau an der Kasse im Supermarkt, deren Mann dort arbeitet. Der Bürgermeister, der nachts schlecht schläft und tagsüber so tut, als hätte er alles im Griff. Die Kinder, die nicht wissen, warum die Eltern leise reden, wenn das Wort "Insolvenz" fällt - als wäre es ein Fluch, den man nicht laut aussprechen darf, damit er nicht wahr wird. Brandenburg ist voll von solchen Städten. Städte, die mal einen Zweck hatten, einen klaren, industriellen, sozialistischen Zweck - und die sich seitdem fragen, was ihr Zweck jetzt eigentlich ist. Der Ventilator an der Decke knarzt sein ewiges Lied, rührt aber nur die verbrauchte Luft von gestern um. schüttelt langsam den Kopf. Ich habe nichts gegen Insolvenzverwalter. Die machen ihren Job, meistens ordentlich, manchmal brillant, und sie sind die Einzigen in diesem Theater, die noch nüchtern sind, wenn alle anderen schon schreien. Aber "gut möglich" ist kein Rettungsring - das ist ein Fetzen Holz, der zufällig vorbeischwimmt. der Rauch kräuselt sich zur Decke Die große Frage ist natürlich, wer zahlt. Wer übernimmt? Wer sieht in einer Kunstfaserfabrik in einer brandenburgischen Kleinstadt das nächste große Ding? Die Antwort ist: irgendjemand mit Geld und einem schlechten Steuerberater, oder der Staat, der dann erklärt, dass es strategisch wichtig ist, Nylon in Deutschland herzustellen. Und vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht. In einer Welt, in der Lieferketten so fragil sind wie meine Kreditwürdigkeit nach dem dritten Bourbon. Manche Dinge ändern sich nie. Nur die Namen der Schiffe. Premnitz wird das überleben oder nicht. Und wenn nicht - nun, dann gibt es wieder eine Stadt mehr, die auf den nächsten Verwalter wartet. Den nächsten Investor. Den nächsten Mann mit einem Aktenkoffer und dem Wort "gut möglich" auf den Lippen. greift nach der Flasche