IRAN LÄSST PAKISTANISCHE SCHIFFE DURCH – UND DIE WELT HOLDET DEN ATEM
Der Rauch aus meiner Zigarette hängt wie ein Vorhang über der Schreibmaschine, und irgendwo unten im Café singt Evelyn wieder dieses verdammte Lied von der Liebe, die nach Öl riecht. Draußen regnet es nicht, aber die Luft ist schwer wie ein unausgesprochenes Versprechen. Die Römer hätten das so genannt: Pax Romana. Nur dass die Römer wenigstens ihre Straßen gepflastert haben. Wir? Wir pflastern nur noch Minen aus Öl, Diplomatie und der Frage, wer am Ende die Rechnung zahlt.
Pakistan jubelt. Iran lächelt. Zwei Schiffe pro Tag. Zwanzig pro Woche. Ein Haufen Geld, ein Haufen Hoffnung, ein Haufen Scheiße, die sich gerade durch den Hormuz-Strait quetschen muss wie ein betrunkener Matrose durch eine Kirche. Ishaq Dar, Pakistans Außenminister, hat’s auf X gepostet, als wäre das die Entdeckung des Feuers. „Harbinger of peace“, nennt er es. Als ob ein paar durchgewinkte Frachter die Welt retten könnten. Als ob die Geschichte nicht schon tausendmal bewiesen hätte, dass Schiffe, die durch enge Pässe pflügen, meistens nur den Weg für etwas anderes ebnen: für Krieg, für Blackouts, für die nächste Krise, die irgendwo in einem Ministerium beschlossen wird, während die Leute unten in den Slums von Karachi oder Teheran weiter hungern.
Denn der Hormuz-Strait ist kein Straßenbauprojekt. Er ist die Ader, die die Welt mit ihrem Blut – oder besser gesagt, mit ihrem Öl – versorgt. Und seit die Amerikaner und die Israelis im Februar den Khamenei rausgeballert haben wie einen lästigen Nachbarn, der zu laut grillen lässt, ist diese Ader zu einer blutenden Wunde geworden. Plötzlich stehen 2.000 Schiffe rum wie betrunkene Gäste auf einer Hochzeit, die niemand einladen wollte. Die Preise? Explodiert. Über 100 Dollar das Fass. Vierzig Prozent mehr als vor dem großen Gemetzel. Die Börsen zittern wie ein Mann mit Fieber, und irgendwo in New York oder London sitzen die Banker und reiben sich die Hände. „Endlich eine Chance für die Märkte!“ – ja, klar, solange die Leute nicht merken, dass sie für diese Chance mit ihrem letzten Cent bezahlen.
Und jetzt? Jetzt kommt Iran und sagt: „Okay, ihr könnt durch. Aber nicht ohne Gebühr.“ Zwei Millionen Dollar pro Überfahrt. In Yuan. Als ob die IRGC plötzlich zum Bankhaus Rothschild mutiert wäre. Die Iraner haben’s schon fast legalisiert – weil warum nicht? Wenn der Krieg schon da ist, warum nicht auch noch ein paar Extra-Euro machen? Die Malaisier dürfen schon durch. Anwar Ibrahim, der malaysische Premier, hat’s gedankt wie ein Kind, das endlich die Erlaubnis zum Eisessen bekommt. Aber was ist mit den anderen? Mit den Saudis? Mit den Indern? Mit den Chinesen, die eigentlich die ganze Scheiße am Laufen halten? Die IRGC checkt jetzt jeden Frachter wie ein Zollbeamter in einem schlechten Western. „Was hast du in deinem Koffer, Jack?“ – „Öl, Doc.“ – „Dann zähl mal deine Dollar.“
Und die Diplomaten? Die stehen da wie betrunkene Offiziere auf einem Schlachtfeld und winken ab. „Das ist ein Zeichen des guten Willens!“ – ja, klar, solange man nicht fragt, wer eigentlich den Willen hat. Solange man nicht merkt, dass Pakistan hier nicht die Heldenrolle spielt, sondern die des verzweifelten Mannes, der zum letzten Mal um eine Kreditverlängerung bittet. „Bitte, Herr Bankier, lassen Sie mich noch ein bisschen durch!“ Die Amerikaner? Die schauen zu, wie die Preise explodieren, und flüstern sich zu: „Gut für die Rüstungsindustrie.“ Die Iraner? Die haben jetzt eine neue Einnahmequelle, während ihr Land in Schutt und Asche liegt. Und die Pakistaner? Die hoffen, dass diese zwei Schiffe pro Tag irgendwann zu einer Brücke werden. Aber Brücken brennt man nicht mit Öl, und Diplomatie ist wie ein nasser Lappen – es sieht aus, als würde es helfen, aber am Ende klebt es nur noch mehr an den Händen.
Die Frage ist nicht, ob das eine gute Idee ist. Die Frage ist: Wem nützt das? Den Ölkonzernen? Den Rüstungsfirmen? Den Politikern, die morgen schon wieder eine neue Krise verkaufen? Oder den Menschen, die in den Fabriken von Karachi arbeiten und sich fragen, warum die Welt so tut, als wäre das hier mehr als ein Notbehelf? Ein paar Schiffe durchlassen, während irgendwo anders die Kanonen heiß laufen. Ein paar Dollar kassieren, während die Welt weiter an der Kippe balanciert wie ein betrunkener Akrobat.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Irgendwo tropft es. Die Uhr tickt. Und irgendwo in Teheran oder Islamabad sitzt ein Mann hinter einem Schreibtisch und unterschreibt Papiere, während draußen die Schiffe warten wie Patienten in einer überfüllten Notaufnahme. Die Römer hätten gesagt: „Alle Wege führen nach Rom.“ Wir wissen jetzt: Alle Wege führen durch den Hormuz-Strait. Und am Ende führt er nur zu einer Frage, die keiner beantworten kann – außer vielleicht der, der die Rechnung bezahlt. Und der sitzt nicht hier. Nicht heute. Nicht in dieser rauchigen Redaktion, wo der Kaffee kalt ist und der Krieg schon längst angefangen hat.