KASASA – DIE INSEL DIE NICHT MEHR DIE IHRE IST
Der Nebel liegt wie ein alter Mantel über Kasasa, und der Wind trägt nicht nur die Kälte, sondern auch die Stimmen derer, die längst gegangen sind. Hideya Yagi, 80, steht am Kai, die Hände in den Taschen seines Union-Jack-Pullovers vergraben, als wäre das hier noch sein Zuhause – obwohl es längst nur noch eine Ansammlung von Steinen und Erinnerungen ist. Sieben Seelen bleiben. Sieben, die nicht mehr zählen, wenn die Welt draußen schon längst über sie hinweggegangen ist. Die Insel, einst das „Hawaii des Inlandmeers“, mit ihren warmen Stränden und dem Fisch, der sich selbst in die Netze wirft, ist zum Spielball geworden. Ein Schachzug in einem Krieg, der noch nicht einmal offiziell begonnen hat, aber schon längst tobt – zwischen den Flüstern der Marinebasis in Iwakuni, 20 Kilometer entfernt, und dem stummen Druck der 50 Kilometer nördlich liegenden Küstenwache in Kure.
Die Chinesen sind gekommen. Nicht mit Kanonen, nicht mit Reden, sondern mit Bargeld und Baugenehmigungen. Zwei Grundstücke. Zwei winzige Parzellen, die plötzlich wie ein Warnsignal aussehen – als würde jemand eine Laterne in die Dunkelheit halten und sagen: Hier bin ich. Hier gehört es mir. Die Gerüchte kochen: Überwachung. Spionage. Ein „chinesisches Inselchen“, wie ein Ratssprecher es nannte, als wäre Kasasa plötzlich ein Stückchen des Großen Walls, das sich in den Seto-See gestürzt hat. Die Japaner lachen darüber. Oder weinen. Oder beides. Denn sie wissen: Es geht nicht um die Insel. Es geht um das Prinzip.
Die Gesetze sind klar. Jeder darf kaufen, was er will. Die Regulierer nicken. Die Banken zählen die Scheine. Aber die Angst ist ein Ding, das sich nicht in Paragrafen fassen lässt. Und die kommt jetzt. Sanae Takaichi, die neue Premierministerin, hat den Kampf ausgerufen. Sie will die Schlösser aufschließen, die Türen verriegeln, die Schlüssel wegwerfen. „Zu viele Fremde“, sagt sie. „Zu viele Hände, die nach unserem Boden greifen.“ Dabei ist Japan selbst ein Land der Einwanderer – seit Jahrhunderten. Die Samurai kamen aus dem Norden, die Händler aus dem Süden, die Christen aus dem Westen. Doch heute ist es nicht mehr die Religion, die die Menschen spaltet, sondern die Frage: Wem gehört die Zukunft?
Die Zahlen sagen es: In einem Jahr haben chinesische Investoren fast die Hälfte aller Grundstücke gekauft, die in der Nähe von „sensiblen“ Orten liegen. Sensibel? Als ob es noch jemals unsensibel war. Die Römer haben ihre Legionen durch Gallien geschickt, die Deutschen ihre Eisenbahnen durch Polen, die Amerikaner ihre Bomben über Hiroshima. Und jetzt? Jetzt kaufen Leute in Anzügen Land wie andere Leute Zigaretten rauchen. Legal. Geordnet. Aber doch mit dem Geruch von etwas, das faul wird.
Yagi steht am Kai und denkt an die Zeit, als die Fischer noch kamen. Als die Touristen noch lachten. Als die Insel noch ihre Insel war. Jetzt sieht er die Baumaschinen auf den Karten. Die Pläne. Die leeren Versprechungen der Regierungen. „Früher“, sagt er, „konnte man hier noch atmen.“ Heute atmet man nur noch den Rauch der Debatten. Die einen schreien nach Schutz. Die anderen nach Freiheit. Die Dritten – die wahren Verlierer – stehen einfach da und warten, bis der letzte Bootstakt sie mitnimmt.
Kasasa ist kein Kriegsschauplatz. Noch nicht. Aber sie ist der Ort, an dem man sieht, wie Kriege beginnen: nicht mit Schüssen, sondern mit Grundbüchern. Und wer weiß – vielleicht steht morgen schon ein anderer da, mit einem anderen Pass und denselben leeren Augen. Und dann? Dann wird die Insel einfach nur noch ein weiteres Kapitel in dem Buch sein, das die Welt schon längst nicht mehr lesen kann.