KASASA – DIE INSEL DIE DIE WELT VERLIERT
Der Rauch aus der Zigarette kreist im grellen Neonlicht der Schreibmaschine, während draußen der Regen gegen die Scheiben der Redaktion peitscht. Irgendwo unten im Café singt Evelyn wieder dieses verdammte Lied von der Sehnsucht – heute klingt es wie ein Hohn. Die Welt brennt, und wir tippen weiter. Kasasa. Ein Fleckchen Erde, so klein wie ein Tränenfilm auf der Windschutzscheibe eines alten Trucks. Sieben Seelen. Zwei Militärbasen in der Nähe. Und plötzlich ist es der nächste Pulverfass.
Hideya Yagi, 80, steht am Kai und lächelt, als der letzte Fährer eintrudelt. Sein Union-Jack-Hut flattert im Wind wie eine Kapitulation. „Man kann hier direkt vom Steg aus fischen“, sagt er und reibt sich die Hände, als könnte er die Netze schon spüren. Doch die Netze sind längst anderswo. Die Netze der Geopolitik, die sich um diese Insel schlingen wie Algen um ein Wrack. Vor 25 Jahren kam Yagi, um zu angeln. Heute angelt er in einem Strudel, der Tokio und Peking in die Tiefe zieht.
Kasasa. Der „Hawaii“ des Inlandmeers. Warm, grün, vergessen – bis die Chinesen kamen. Nicht mit Kanonen, nein. Mit Bargeld. Zwei Grundstücke. Zwei Plots, die plötzlich wie ein Warnsignal leuchten: Hier beginnt das Spiel. Die Gerüchte fliegen schneller als die Möwen über den Hafen. „Könnte bald eine chinesische Insel werden“, brummt ein Stadtrat. Als ob Land wie ein Stück Kuchen wäre, das man einfach aufteilt. Als ob die Gesetze nicht schon längst geschrieben wären – auf Papier, das mit Tinte aus alten Verträgen getränkt ist, die niemand mehr liest.
Die Zahlen sind kalt wie Eis in einer Schublade: In einem Jahr haben chinesische Investoren fast die Hälfte aller Grundstückskäufe in der Nähe von Militärstandorten gemacht. Fast die Hälfte. Und alles legal. Alles genehmigt. Die Bürokratie dreht sich wie ein Karussell, während die Nation sich fragt: Wo ist der Punkt, an dem wir aufhören, zu lächeln? Die Japaner haben immer gelernt, mit Stille zu regieren. Doch Stille ist jetzt ein Luxus, den sich niemand mehr leisten kann.
Prime Minister Sanae Takaichi steht da wie ein Mann, der gerade bemerkt, dass sein Anzug Feuer fängt. „Wir werden die Regeln verschärfen“, verkündet sie. Als ob Regeln die Wahrheit ändern könnten. Als ob man mit Zäunen die Gezeiten aufhalten kann. Die Ängste sind real: Zu viele Gesichter in den Straßen. Zu viele Hände, die nach Arbeit greifen. Die Depression der Zwanzigerjahre war ein Albtraum aus leeren Regalen. Heute ist der Albtraum ein Albtraum aus leeren Blicken – die derer, die fürchten, dass ihre Insel, ihr Land, ihre Identität langsam an jemand anderen übergehen wie ein vergilbtes Tagebuch in einer fremden Sprache.
Kasasa ist kein Kriegsschauplatz. Noch nicht. Aber es ist der Ort, an dem die ersten Risse sichtbar werden. Die Römer haben einst eine Mauer gebaut, um die Barbaren draußen zu halten. Heute bauen die Barbaren die Mauern – und die Mauern sind aus Beton und Bargeld. Die Chinesen sagen: „Das ist unser Geld. Das ist unser Recht.“ Die Japaner sagen: „Das ist unser Boden. Das ist unsere Geschichte.“ Und irgendwo dazwischen steht Hideya Yagi, der alte Fischer, der plötzlich zum Chronisten einer Zeit wird, die er nicht mehr versteht.
Die Insel ist klein. Aber die Fragen sind groß wie der Pazifik. Wer entscheidet, was „uns“ und was „euch“ ist? Wenn ein Grundstückskauf ein Akt des Krieges ist – wer schießt dann die erste Salve? Die Antworten kommen nicht. Sie werden nur immer lauter. Und irgendwann, eines Tages, wird jemand den Knopf drücken. Vielleicht ist es ein Minister. Vielleicht ein General. Vielleicht ein alter Mann wie Yagi, der plötzlich merkt, dass sein „Hawaii“ nur eine Illusion war – und die Realität ein Labyrinth aus Schuld und Schuldigen.
Der Regen hört auf. Die Schreibmaschine tickt. Irgendwo in der Ferne heult ein Sirenen. Die Welt dreht sich weiter. Und Kasasa? Kasasa ist nur der nächste Akt in einem Stück, das schon vor Jahrhunderten begann.