KASASA – DER STEIN DER WEISEN ZWISCHEN TAIWAN UND TOKYO
Der Rauch aus der Zigarette kreist in der Luft wie ein verdammter Geier über der Schreibmaschine. Draußen regnet es seit drei Tagen, aber das Wasser tropft nicht auf den Papierstapel – es tropft auf die Zukunft. Kasasa. Ein Name, der klingt wie ein Seufzer. Sieben Seelen. Zwei Grundstücke. Und eine Insel, die plötzlich zum Epizentrum wird, ohne dass jemand sie gebeten hat.
Hideya Yagi steht am Kai, der Union-Jack-Hut auf dem Kopf wie ein letzter Wächter einer verlorenen Kolonie. Er angelt Fische, als wäre das noch Selbstverständnis. Als wäre die Welt noch in Ordnung. Doch die Welt ist nicht mehr in Ordnung. Nicht seit die Chinesen kamen – nicht mit ihren Bauten, nicht mit ihren Blicken, nicht mit den Gerüchten, die sich schneller ausbreiten als der Regen über den Seto-Inlandsee.
Die Insel ist kein Hawaii. Sie ist ein Spiegel. Ein winziger, rostiger Spiegel, der Tokio und Peking in die Augen schaut und fragt: Was tut ihr hier? Die Militärbasen sind nah. Zu nah. Die Iwakuni-Basis der US-Marines, 20 Kilometer entfernt. Die japanische Marine in Kure, 50 Kilometer. Und dazwischen? Ein Fleckchen Erde, das plötzlich wichtiger ist als die Hälfte der Kontinente. Weil es nicht um die Insel geht. Es geht um die Hände, die sie halten. Um die Gesichter, die sie anstarren.
Die Chinesen kaufen Land. Nicht wie Touristen, nicht wie Fischer. Sie kaufen Grundstücke wie andere Leute Kaffee bestellen. Und dann flüstern die Japaner: Spionage. Die Chinesen lächeln. Wir haben nur ein Recht wie jeder andere. Die Gesetze sind da. Die Gesetze sind immer da. Wie die Römer ihre Straßen bauten und dann die Barbaren kamen und fragten: Warum? Die Antwort war immer dieselbe: Weil wir es können.
Sanae Takaichi, die neue Prime Ministerin, redet von Türken. Von verschärften Regeln. Von Mauern. Doch Mauern bauen ist wie mit den Händen in den eigenen Bauch greifen. Die Insel ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Japan nicht weiß, ob es noch ein Land ist oder nur noch ein Posten im Schachspiel der Mächte. Die Chinesen bauen. Die Japaner zögern. Die USA schauen zu. Und die sieben Seelen auf Kasasa? Die angeln weiter. Als wäre das alles nur ein schlechter Traum.
Vor fünfzig Jahren hätte man gesagt: Das ist nur eine kleine Insel. Vor fünfzig Jahren hätte man recht gehabt. Heute ist jede Insel ein Pulverfass. Jeder Fels ein Messer, das zwischen den Zähnen der Geschichte eingeklemmt ist. Die Senkaku-Inseln waren schon ein Albtraum. Doch Kasasa? Kasasa ist das, was bleibt, wenn man die Träume auspackt und sieht, dass sie aus Papier sind.
Der letzte Passagier steigt vom Boot. Hideya Yagi nickt. Die Insel ist noch da. Die Spannung auch. Und irgendwo, zwischen dem Geräusch der Wellen und dem Klirren der Gläser im Café unten, singt Evelyn wieder. Don’t worry, be happy. Aber wer soll das auch glauben?
--- Die Insel ist nur ein Stein. Doch Steine tragen die Häuser der Zukunft.