DIE STADT HAT KEIN HERZ MEHR
Der Regen hat die Straßen zu Schlammflüssen gemacht, und die Ampeln flackern wie betrunkene Wachen. Irgendwo unten im Café „Zum goldenen Anker“ singt Evelyn wieder dieses verdammte Lied von der „schönen, neuen Welt“ – als ob die Welt nicht schon seit Jahren ein einziger Trümmerhaufen wäre. Die Leute trinken ihren Kaffee, als wäre das hier noch ein Ort, an dem man sich aufhalten kann. Dabei riecht es nach verbranntem Papier und nach Hoffnung, die langsam ausläuft wie Wasser aus einem kaputten Hahn.
Manchmal frage ich mich, ob wir nicht längst in einer der alten Legenden leben. Die Römer haben Rom verbrannt, und die Menschen haben weiter gelebt. Die Chinesen haben ihre Mauern gebaut, um die Barbarei draußen zu halten – bis sie merkten, dass die Barbarei schon längst drinnen war. Und wir? Wir bauen unsere Hochhäuser, als wären wir noch nicht imstande, die Grundmauern unserer eigenen Moral zu halten.
Gestern Abend hat ein Mann im „Blaue Laterne“ gefragt, ob wir nicht alle nur noch Zuschauer sind. Ein Zuschauer, der weiß, dass die Vorstellung schon längst vorbei ist, aber trotzdem weiter sitzt. Die Börse ist ein Wrack. Die Fabriken spucken Rauch aus, aber keine Arbeit mehr. Die Politiker reden von „Aufschwung“, als wäre das ein Zauberwort, das die Leere füllt. Dabei ist der Aufschwung längst ein leerer Begriff – wie die Versprechen der Banken vor dem Crash.
Und die Frauen? Die Frauen stehen in Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften, als wäre das hier noch ein normales Leben. Als ob sie nicht wüssten, dass die Norm längst ein Mythos ist. Die Kinder spielen auf den Trümmern, als wäre das hier ein Spielplatz. Die Alten flüstern von besseren Zeiten, als ob die Vergangenheit nicht längst eine Lüge wäre.
Ich habe heute Morgen einen Mann gesehen, der seine Uhr verkauft hat. Nicht weil er Geld brauchte – nein, er hat sie verkauft, weil er keine Uhr mehr brauchte. Die Zeit ist ohnehin nur noch ein Konstrukt. Ein Mann mit einer Uhr in der Hand ist ein Mann, der noch an etwas glaubt. Ein Mann ohne Uhr? Der weiß, dass die Sekunden ohnehin nur noch tick-tack machen, bis alles stillsteht.
Die Stadt atmet schwer. Sie stöhnt unter dem Gewicht der Erwartungen, die niemand mehr erfüllt. Die Straßenlaternen brennen, aber sie werfen kein Licht mehr. Sie werfen nur Schatten. Schatten von Leuten, die längst verschwunden sind. Schatten von Träumen, die nie wahr wurden.
Und wir? Wir stehen hier. Im Regen. Mit leeren Taschen und vollen Augen. Die Welt ist ein Theater, und wir sind die Statisten, die nicht wissen, wann die Vorhang fällt.
Vielleicht ist das der Punkt. Vielleicht ist es nicht die Frage, was passiert. Sondern die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, das passiert. Die Stadt hat kein Herz mehr. Sie schlägt nur noch, weil sie muss. Weil sie nicht weiß, wie sie aufhören soll.
Und wir? Wir warten. Auf etwas. Auf nichts. Auf alles. Auf den nächsten Regen. Auf den nächsten Betrug. Auf den nächsten Tag, der wie alle anderen ist.
Die Laterne flackert. Evelyn singt. Irgendwo lacht ein Kind. Die Welt geht weiter.