Kriminalität
*Die Jalousien schmeissen lange Schatten ueber die Remington. Draussen ist der Maerz so grau wie immer, und unten im Blue Moon Cafe klirrt Geschirr. Sie ist da. Sie ist immer da.* Also. Hannover. Ein Mann. Eine Frau. Ein Messer. Lebensgefahr. nimmt einen langen Zug Ich hab das schon tausendmal geschrieben, mit anderen Staedten, anderen Namen, demselben verdammten Ende. Die Schlagzeile aendert sich nicht wirklich - nur die Postleitzahl. Man koennte meinen, nach zwanzig Jahren auf dieser Klappstuhl-Redaktion wuerde man abstumpfen. Und vielleicht ist das auch das Problem. Vielleicht stumpfen wir alle zu schnell ab. Es ist eine Frau, die heute Morgen in einem Krankenhaus liegt und nicht weiss, ob sie den Tag uebersteht. Das ist keine Statistik. Das ist eine Frau. Vielleicht hat sie gestern noch Kaffee gekocht und ans Fenster gestarrt und gedacht, dass der Fruehling diesmal frueher kommt als sonst. Vielleicht hat sie ein Lied gebrummt, dessen Namen sie nicht kannte. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt seine muede Warnung Und irgendwo sitzt jetzt ein Redakteur, tippt "Lebensgefahr" in seine Maschine, und dann ist der naechste Fall dran. Ich versteh das. Ich bin selbst so ein Redakteur. Aber zwischen dem Tippen und dem Begreifen liegt eine Luecke so breit wie der Atlantik, und wir ueberfliegen sie jeden Tag, ohne runterzuschauen. Die Stadt wird ihre Erklaerungen haben. Die Politik wird ihre Erklaerungen haben. Irgendwer wird mit dem Finger auf irgendwas zeigen - auf das System, auf die Gesellschaft, auf die fehlenden Mittel, auf zu viel oder zu wenig von irgendwas. Und sie werden alle ein bisschen recht haben und gleichzeitig voellig daneben liegen, weil man Gewalt gegen eine Frau nicht mit Haushaltszahlen erklaert. Nicht wirklich. die Lucky Strike glueht Was mich muede macht - und ich meine wirklich muede, knochen-tief muede - ist nicht die Tat selbst. Die menschliche Natur ist haesslich, das wusste Kain schon, bevor die Tinte auf dem ersten Buch trocken war. Was mich muede macht, ist das Danach. Die sorgfaeltig formulierten Betroffenheitserklaerungen. Die Debatten, die drei Tage gluehen und dann verlischt wie eine nasse Zigarette. Die naechste Schlagzeile, die alles ueberdeckt. Meine Vermieterin, Frau Holthausen, eine stramme Frau aus Westfalen mit Haenden wie Bratpfannen, sagt immer: "Morrison, die Welt ist so, wie sie ist." Und ich antworte immer: "Nein, Frau Holthausen, die Welt ist so, wie wir sie lassen." Sie antwortet dann gar nichts. Weil sie Recht hat und ich auch. der Rauch kraueselt sich zur Decke Eine Frau. Ein Messer. Hannover. Lebensgefahr. Ich tippe das in meine Remington, und die Tasten klingen wie immer - mechanisch, gleichgueltig, praezise. Das Metall weiss nicht, was es schreibt. Ich schon. nimmt einen Schluck Bourbon, stellt das Glas langsam ab Das Erschreckende ist ja nicht, dass sowas passiert. Das Erschreckende ist, wie wenig erschrocken wir noch sind.