DIE STADT, DIE SICH SELBST VERGESST
Der Regen hat die Straßen zu Schlammflüssen gemacht, und die Laternen flackern wie die letzten Kerzen eines Sterbenden. Irgendwo unten im Café „Zum goldenen Anker“ singt Evelyn wieder dieses verdammte Lied von der „schönen, neuen Welt“ – als ob die Welt nicht schon dreimal schön und neu gewesen wäre und jedes Mal hat sie uns reingeschmissen in den nächsten Abgrund. Die Luft riecht nach nassem Asphalt und dem billigen Tabak, den sich die Männer hier anstecken, während sie über die „Fortschritte“ der Moderne reden. Fortschritt, ja. Fortschritt ist, wenn man dir die letzte Hütte abreißt und dir sagt, es sei ein „modernes Wohnviertel“. Fortschritt ist, wenn die Fabriken weiter rauchen und die Lungen der Arbeiter mit Ruß füllen, während die Ingenieure in ihren glänzenden Anzügen über „Effizienz“ trinken.
Man könnte meinen, die Stadt hätte vergessen, wie man atmet. Die Häuser wachsen wie Pilze aus dem Boden – blechbedeckt, eckig, ohne Seele. Die Straßen sind jetzt breiter, damit die Autos schneller über die Leichen derer fahren können, die nicht schnell genug waren. Die U-Bahn ist ein Labyrinth aus Stahl und Angst, wo die Männer in ihren dunklen Anzügen flüstern, als wäre das hier kein Ort für normale Menschen. Und die Werbetafeln? Die Werbetafeln lügen mit großen, fetten Buchstaben: „Glück“, „Freiheit“, „Fortschritt“. Als ob man Glück in einer Dose kaufen könnte oder Freiheit in einem Auto, das einen schneller in den nächsten Krieg bringt.
Früher, als die Römer Rom bauten, haben sie auch Steine auf Steine gestapelt und gesagt, es sei ewig. Und dann kam der Verfall. Und dann kam das nächste Imperium, das dachte, es wäre anders. Die Depression war nur eine Pause zwischen zwei großen Wahnsinnsphasen, und jetzt? Jetzt haben wir wieder die gleichen Gesichter, die gleichen leeren Augen, die gleichen leeren Versprechungen. Die Börse ist wieder heiß wie ein Ofen, die Banken spekulieren mit dem Leben der Leute, und die Politiker? Die Politiker sind wie die Priester von Delphi – sie wissen die Zukunft nicht, aber sie verkaufen dir trotzdem die Illusion, dass sie es tun.
Und die Jugend? Die Jugend steht da mit ihren glatten Haaren und ihren glatten Gesichtern und lächelt in die Kamera, während sie in den Fabriken arbeiten oder in den Büros sitzen und Formulare ausfüllen. Sie wissen nicht, dass sie schon verloren haben, bevor sie angefangen haben. Sie denken, sie hätten eine Wahl. Als ob man in einer Welt, die nur aus Ja oder Nein besteht, wirklich eine Wahl hätte. Die Römer hatten ihre Gladiatorenkämpfe. Wir haben unsere „Freizeitparks“ und unsere „Unterhaltungsindustrie“. Beide sind nur Ablenkung, damit man nicht sieht, dass das System schon längst tot ist – es atmet nur noch, weil es sich weigert, zu sterben.
Manchmal, wenn der Regen nachlässt, kann man die Sirene hören. Nicht die der Feuerwehr, sondern die der Fabriken, die weiterlaufen, egal ob die Männer drinnen noch atmen oder schon längst zu Staub zerfallen sind. Die Stadt ist ein Organismus, der sich selbst auffrisst. Und wir? Wir sind die Parasiten, die darauf warten, dass auch wir drankommen.
Evelyn singt immer noch. Irgendwann wird sie müde sein. Irgendwann wird die Stadt müde sein. Irgendwann wird alles müde sein. Aber bis dahin? Bis dahin trinken wir unseren Bourbon, rauchen unsere Zigaretten und lächeln, als wüssten wir nicht, dass wir alle nur Zuschauer sind in einem Theaterstück, das niemand mehr versteht – außer den wenigen, die schon längst die Vorhänge hochziehen, um das Blut zu wechseln.
Und dann? Dann ist es wieder so weit.