LEBANONS SCHATTENKRIEG – WIE LANG HÄLT DIE FASSADE?
Der Regen klopft gegen die Schreibmaschine, als hätte jemand die Tür zum Hölleingang mit einem Besenstiel bearbeitet. Draußen, zwischen den Ruinen von Beirut, singt eine Frau in einem Café – Evelyn, die immer singt, egal ob Krieg oder nicht. Ihr Lied klingt wie ein verzweifelter Versuch, die Welt zum Tanzen zu bringen, während sie unter uns steht. Ich tippe weiter. Die Tinte ist schon halbleer, und der Bourbon in der Schublade riecht nach Verzweiflung und billigem Trost.
Israel hat wieder einmal eine Forderung gestellt. Nicht als Bitte. Nicht als höfliche Nachfrage. Sondern als Faktum, das man einfach so hinstellt, als wäre es ein offenes Fenster im Winter – selbstverständlich, dass man es öffnen muss. Die Botschaft ist klar: Lebanon, du hast ein Problem. Und wir wollen, dass du es jetzt löst. Doch wer genau hat das Problem? Die Hezbollah? Die IRGC? Oder das ganze verdammte System, das seit Jahrzehnten wie ein fauler Magen funktioniert – mal spuckt es Blut, mal Erbrochenes, mal gar nichts?
Die offizielle Version: Israels Außenminister Gideon Saar hat die Ausweisung des iranischen Botschafters als „gerechtfertigt und notwendig“ bezeichnet. Ein Lob für eine halbe Tat. Denn während Beirut sich wie ein Schiff in einem Sturm windet, das versucht, nicht unterzugehen, bleibt die eigentliche Frage: Was passiert, wenn das Schiff doch sinkt? Die Hezbollah sitzt im Kabinett. Sie kontrolliert die Grenzen. Sie feuert Raketen ab, als wäre es ein Spielzeug, das man mal wieder auspackt, wenn die Langeweile zu viel wird. Und die Regierung? Die steht da wie ein betrunkener Boxer, der versucht, sich gegen einen unsichtbaren Gegner zu wehren – während die Schläge schon kommen.
Letzte Woche hat der libanesische Premierminister Nawaf Salam behauptet, die IRGC steuere die Hezbollah-Operationen. Keine Überraschung. Die Iraner haben seit Jahren die Fäden in der Hand, und Beirut? Beirut ist nur das Theater, in dem sie ihre Marionetten tanzen lassen. Die Raketen auf Zypern, die Toten in Khraibeh, die 1.200.000 Vertriebenen – das ist kein Krieg mehr. Das ist eine systematische Demontage. Und die internationale Gemeinschaft? Die guckt zu. Wie immer. Als ob die Welt nur dann reagiert, wenn es um Öl geht oder um Dollar. Nicht um Menschen. Nicht um Moral.
Gestern wurde ein iranischer Raketenangriff über libanesischem Luftraum abgefangen. Ein Wunder, dass niemand getötet wurde. Oder ein Zeichen? Vielleicht beide. Denn wer schießt hier eigentlich wen an? Die Hezbollah gegen Israel? Die IRGC gegen die Welt? Oder einfach nur die Verzweiflung gegen die eigene Ohnmacht? Die UN warnen vor Kriegsverbrechen. Die Menschenrechtsorganisationen zählen die Toten. Und die Politik? Die Politik redet. Immer. Über Lösungen. Über Dialog. Über Frieden. Als wäre das hier nicht längst ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.
Die Arabische Friedensinitiative von 2002? Ein leeres Versprechen, das niemand ernst genommen hat. Die Hezbollah sitzt im Kabinett, weil sie stärker ist als die Regierung. Weil sie Waffen hat, während Beirut nur Schulden und Korruption hat. Weil sie weiß, dass Israel sie nicht einfach so loslässt. Weil sie weiß, dass die Welt sie braucht – als Puffer. Als Sündenbock. Als Ablenkung.
Und jetzt? Jetzt steht Israel da und sagt: Tu was, Lebanon. Als ob das Land nicht schon seit Jahren am Abgrund balanciert. Als ob die Hezbollah nicht längst die einzige Macht wäre, die noch funktioniert. Als ob die Regierung nicht längst nur noch ein Haufen von Leuten wäre, die sich gegenseitig die Schuld geben, während draußen die Bomben fallen.
Die Frage ist nicht, wer hier schießt. Die Frage ist: Wer hört auf zu schießen? Und die Antwort? Die kennt niemand. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.
Der Regen hört auf. Evelyn singt weiter. Irgendwo in der Ferne explodiert etwas. Die Schreibmaschine tickt. Und ich tippe weiter. Weil jemand es lesen muss. Weil jemand es verstehen muss. Auch wenn es zu spät ist.