Lebanon: Die Hezbollah-Falle – oder wie man einen Staat aushungert
Der Regen klopft gegen die Scheiben wie ein ungeduldiger Reporter, der um Einlass klopft. Draußen, zwischen den Ruinen von Beirut, wo die Straßen noch nach Benzin und Pulver riechen, hat sich etwas bewegt. Nicht die üblichen Spielchen. Nicht die leeren Versprechungen. Sondern ein Geständnis, das wie ein nasser Handschuh in der Hand des Premierministers liegt: Die IRGC steuert Hezbollah. Punkt.
Nawaf Salam, der Mann mit dem scharfen Blick für die Lügen der Mächtigen, hat es auf Arabisch gesagt – und damit die Katze aus dem Sack gelassen, die schon seit Jahren unter dem Teppich des libanesischen Systems gekratzt hat. Die IRGC, diese iranische Militärelite, die direkt dem Ajatollah untersteht, hat nicht nur Hezbollah bewaffnet. Sie hat sie eingespannt. Wie ein Puppenspieler, der die Fäden zieht, während die Marionette vor der Kamera lacht. Und jetzt, wo die Fäden zu kurz werden, reißt etwas. Die Fäden. Die Geduld. Die Illusion, dass Beirut noch eine Regierung hat, die nicht nur den Anweisungen Teherans folgt, sondern auch den eigenen Bürgern.
Israels Außenminister Gideon Saar hat es auf X gepostet, als wäre es ein Rezept für einen einfachen Kuchen: „Praktische und sinnvolle Maßnahmen gegen Hezbollah“ – und dann diese kleine, aber tödliche Pointe: „Die Minister der Gruppe sitzen doch noch im Kabinett.“ Als ob man eine Brandstiftung melden und dann fragen würde, ob der Brandstifter vielleicht noch im Haus ist. Saar will nicht nur, dass die Hezbollah schwächelt. Er will, dass sie unmöglich wird. Aber wie?
Denn hier ist der Haken: Die libanesische Regierung hat schon einmal versucht, Hezbollah zu entwaffnen. Vor zehn Jahren. Vor fünf. Vor gestern. Und jedes Mal hat die Gruppe einfach weitergeschossen, weiter gedroht, weiter die Kassen des Staates geplündert – während die Banken leerlaufen und die Stromleitungen wie ein Netz aus rostigen Adern über die Dächer hängen. Salam hat jetzt die Iraner rausgeworfen. Die falschen Pässe. Die „Berater“. Die Männer, die angeblich nur „militärische Unterstützung“ leisten. Als ob jemand, der mit einem Gewehr in der Hand durch die Grenze geht, nicht auch die Richtung vorgibt.
Und dann diese Missiles. Ein iranisches Raketenstück, das über dem Himmel von Beirut zerschellt wie ein schlechter Witz. Intercepted von einer fremden Flotte – wer auch immer das war. Shrapnel über den Vororten, ein paar leichte Verletzungen. Als ob jemand mit einem Hammer gegen die Wand hämmert und fragt: „Hört ihr das? Das ist doch nur ein Warnschuss!“
Die Frage ist nicht, ob die IRGC Hezbollah steuert. Die Frage ist: Was tut man jetzt? Denn Worte allein nützen nichts. Vor einem Jahr hat die UNO noch von „deeskalierenden Schritten“ gefaselt. Vor zwei Wochen hat der Internationale Währungsfonds die Schuldenkrise des Landes als „systemische Bedrohung“ bezeichnet. Und jetzt? Jetzt sitzt die Regierung zwischen zwei Fronten: Einerseits die Forderung Israels nach „konkreten Schritten“, andererseits die Realität, dass Hezbollah nicht nur eine Miliz ist. Sie ist ein Staat im Staat. Mit eigenen Waffenlagern. Mit eigenen Gehaltslisten. Mit eigenen Verrätern in den eigenen Reihen.
Salam hat recht: Die IRGC managt die Operationen. Aber wer managt die Manager? Die Antwort liegt nicht in leeren Drohungen, sondern in harten Entscheidungen. Die Hezbollah-Minister müssen gehen. Nicht morgen. Nicht in drei Monaten. Jetzt. Und nicht mit einer halbgaren Erklärung wie „Wir arbeiten an einer Lösung“, sondern mit einem klaren Befehl: „Entweder ihr seid Teil der Regierung – oder ihr seid Teil des Problems.“
Doch selbst wenn die Minister rausfliegen, bleibt die Frage: Was passiert mit den Waffen? Mit den Raketen? Mit den Männern in den Uniformen, die schon seit Jahrzehnten auf die nächste Schlacht warten? Die Römer haben ihre Legionen nicht mit Reden aufgelöst. Die USA haben den Klan in den 1930ern nicht mit Versprechungen zerschlagen. Und heute? Heute sitzt Beirut zwischen den Mahlzeiten der Großmächte – und die Hezbollah ist der letzte Bissen, den sich alle streitig machen.
Die Zeit läuft ab. Die Raketen auch. Und die Regierung? Die steht da wie ein Mann im Regen, der weiß, dass der nächste Blitz schon kommt – und fragt sich, ob er noch Zeit hat, die Hände zu heben.