Lebanon: Wer zittert vor dem Sturm?
Der Regen klopft gegen die Scheiben der Redaktion wie ein Metronom des Untergangs. Draußen, zwischen den Ruinen von Beirut und den Rauchwolken über den Bergen, tobt ein Spiel, das niemand mehr gewinnen will. Die Israelis jubeln über die Ausweisung des iranischen Botschafters – als wäre das ein Schachzug, kein verzweifelter Griff in die letzte Tasche. "Justified and necessary", sagt Gideon Saar und nippt an seinem Kaffee, während irgendwo in den Bergen Hezbollah-Kämpfer ihre Gewehre ölen. Als ob die Worte allein die Wahrheit änderten.
Denn die Wahrheit ist: Das libanesische Regierungsgebilde steht da wie ein betrunkener Boxer im Ring. Nawaf Salam, dieser Premier mit dem scharfen Mundwerk, hat die Finger in die Wunde gelegt und die IRGC als "Chef der Operationen" bezeichnet. Klingt nach Mut. Klingt nach einem Mann, der weiß, dass er selbst gerade auf der Liste steht. Aber was nützt die Diagnose, wenn die Medizin fehlt? Die Regierung hat Iraner mit falschen Pässen vertrieben – als ob man einen Brand mit einem nassen Lappen löscht. Die Hezbollah sitzt weiter im Kabinett. Die Raketen fliegen weiter. Und die Zivilisten? Die sind längst die Kollateralschäden eines Spiels, das sie nicht gespielt haben.
Die Zahlen sagen es: Über tausend Tote. Eine Million Vertriebene. Human Rights Watch spricht von Kriegsverbrechen. Aber wer zählt schon? Die UNO? Die schaut zu, wie immer. Die Nachbarn? Die winken ab, solange die Ölquellen fließen. Selbst die USA, die sonst so gern moralische Predigten halten, halten sich bedeckt. Vielleicht, weil sie wissen: Wenn der Hezbollah-Drache einmal losgelassen ist, gibt es kein Zurück mehr. Und dann steht nicht mehr nur Lebanon in Flammen – dann brennt die ganze Region.
Salam hat recht: Die IRGC steuert die Fäden. Die Drohnen, die über Zypern fliegen. Die Raketen, die über den Norden von Beirut einschlagen. Die Männer mit den falschen Pässen, die im Schatten agieren wie die römischen Legionen in Gallien – nur ohne die Ehre, ohne die Regeln. Israel drängt auf "praktische Maßnahmen". Aber was ist praktisch, wenn der Feind im eigenen Haus sitzt? Wenn die Regierung nicht mal die eigene Armee kontrolliert?
Und dann ist da noch die Frage, die keiner stellt: Was, wenn Beirut brennt? Nicht nur die Häuser, nicht nur die Straßen, sondern die Illusion, dass hier noch ein Staat existiert. Die Hezbollah ist stärker als die Armee. Die IRGC ist stärker als die Hezbollah. Und die Regierung? Die ist stärker als gar nichts. Vielleicht ist das der Punkt. Vielleicht ist es genau das: ein Staat, der sich selbst auflöst, während die Mächte draußen zuschauen und warten, bis die nächste Krise kommt.
Draußen singt Evelyn wieder. Ihre Stimme ist müde, wie die Stadt. Irgendwo explodiert eine Granate. Die Scheiben vibrieren. Morrison tippt weiter. Die Tinte seiner Schreibmaschine ist schon schwarz wie die Nacht über dem Libanon.
Und irgendwann wird es kein Zurück mehr geben.