MONDSTAUB UND LEERE WORTE
Die Erde dreht sich weiter, doch der Mond bleibt kalt. Wieder einmal. Artemis II hebt ab – oder zumindest plant es Nasa, während die Welt schaut, ob sie diesmal noch Gänsehaut kriegt. 1969 war es ein Ruck durch den Kalten Krieg, ein Wettrennen mit der Sowjetunion, bei dem die USA nicht nur Technologie, sondern auch ihre Überlegenheit demonstrieren wollten. Heute? Ein zahnloser Wolf namens „lunar economic development“ und die vage Andeutung, dass irgendwann mal jemand den Mars ansteuern könnte. Trump hat’s 2017 wieder auf die Agenda gesetzt, doch seitdem ist wenig passiert – außer dass Nasa sich fragt, ob es nicht doch besser wäre, auf Mars zu setzen. Aber Mars ist weit. Der Mond ist nah. Und nah ist gefährlich, weil man sieht, was man tut.
Artemis II wird kein Landungsschaukel sein. Die vier Astronauten – darunter Victor Glover und Christina Koch, die als erste Schwarze und Frau den Mond umrunden – werden nur umkreisen. Die eigentliche Landung soll Artemis IV bringen, falls die Politik nicht wieder alles umkrempelt wie ein Kind mit seinen Spielzeugen. Die Frage ist: Wird das noch faszinieren? 1969 strahlte die Welt live, Millionen vor dem Fernseher, Kinder mit Kreide Mondkrater auf den Gehweg gemalt. Heute? Die meisten checken es auf TikTok, während irgendwo ein Influencer erklärt, warum der Mond eigentlich gar nicht rund ist. (Er ist es. Oder etwa nicht?)
Die Politik hat die Mission längst entpolitisiert. Kein Kennedy mit seinem „We choose to go to the moon“-Geschwafel, kein Stalin, der die Sowjets als „Hunde der Bourgeoisie“ beschimpft. Stattdessen: „Wir bauen eine Basis für die Zukunft.“ Klingt wie ein Werbeslogan für eine neue Kaffeemaschine. Und doch – oder gerade deshalb – bleibt die Frage: Warum? Die Wissenschaftler reden von Helium-3, das irgendwann mal Fusionskraftwerke speisen könnte. Die Militärs flüstern von strategischen Vorteilen. Die Konzerne träumen von Mond-Basen als Sprungbrett für Tourismus und Bergbau. Aber wer zahlt das alles? Die Steuerzahler. Die gleichen, die sich fragen, warum man nicht erst mal die Kluft zwischen Arm und Reich schließt, bevor man Millionen in einen Staubhaufen investiert, der seit 1972 unberührt daliegt.
Und dann ist da noch das Problem der Erwartungen. 1969 war es ein Moment. Heute ist es ein Projekt. Ein langwieriges, teures, von Verzögerungen geplagtes Projekt, bei dem jeder neue Rückschlag – wie die Verzögerung von Artemis II um ein weiteres Jahr – als Beweis dient, dass die Menschheit es einfach nicht mehr kann. Die Chinesen sind schon unterwegs mit ihrem eigenen Mondprogramm. Die Privaten? SpaceX plant vielleicht eine Touristenmission, aber Elon Musk hat wichtigeres zu tun, als sich mit Mondstaub zu beschäftigen. (Er hat gerade wieder eine neue Rakete angekündigt, die „Starship 2.0“ heißen soll. Als ob das erste Mal nicht schon ausgereicht hätte.)
Die Medien fragen sich, ob die Welt noch begeistert sein kann. Die Antwort ist: Vielleicht. Aber nicht so, wie 1969. Damals ging es um Stolz, um Nation, um den Beweis, dass der Mensch alles schaffen kann. Heute geht es um Likes, um Kontroversen (weil eine Frau und ein Schwarzer mitfliegen) und um die Angst, dass alles wieder im Sande verläuft wie so oft. Die Apollo-Missionen waren ein Versprechen. Artemis? Ein Versprechen mit Ablaufdatum.
Und dann ist da noch der Mond selbst. Ein grauer, staubiger Klumpen, der seit Milliarden Jahren dasteht und darauf wartet, dass jemand ihn ignoriert. Die Astronauten werden vielleicht Fotos machen, Proben nehmen, ein paar Flaggen einpflanzen. Aber am Ende wird der Mond wieder da sein. Unberührt. Gleichgültig. Wie immer.
Die letzte Frage bleibt: Wird jemand noch weinen, wenn sie wieder nach Hause kommen? Oder wird es einfach nur ein weiterer Eintrag in der Chronik der menschlichen Hybris sein – diese Geschichte von der kleinen Kugel, die sich einbildet, sie könnte den Himmel berühren?