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NRWs ÖPNV im Stillstand – Die unsichtbare Schwerkraft des Streiks

28. März 2026 — — — Kapitän Renz, a.D.

Die Luft über Nordrhein-Westfalen ist heute schwer. Nicht von Wolken, sondern von der Last der ausstehenden Fahrten. Die Straßen, die sonst das Blut der Stadt tragen, pulsieren nicht mehr. Die Busse stehen in den Betriebshöfen wie verrostete Relikte einer anderen Zeit, während die Bahnen in den Tunneln der Städte auf ihre ungewisse Zukunft warten. Es ist kein Sturm, der sie umwirft, sondern die Entscheidung derer, die sie sonst in Bewegung halten.

Die Warnstreiks der vergangenen Tage haben eine Wahrheit enthüllt, die sonst im Lärm der Tarifverhandlungen verschluckt wird: Der ÖPNV ist kein Netz aus Stahl und Asphalt, sondern ein Organismus aus Vertrauen. Und Vertrauen stirbt nicht durch Rost, sondern durch plötzliche Abwesenheit. In Dortmund, wo die Stadtbahnen seit Samstag nicht mehr rollen, haben die Fahrgäste gelernt, dass Pünktlichkeit eine Illusion ist. In Wuppertal, wo die Schwebebahn – dieses stählerne Ungeheuer über der Stadt – stillsteht, spüren die Menschen, wie die Luft plötzlich leerer wird. Nicht durch Wind, sondern durch das Fehlen des Lärms, der sonst die Straßen begleitet.

Die Gewerkschaft Verdi hat mit ihren Aufrufen zur Arbeitsniederlegung in 19 Betrieben eine Karte gezogen, die die Karten der Infrastruktur aufdeckt. Denn der ÖPNV ist kein homogenes Gebilde. Er besteht aus Knotenpunkten – den Betriebshöfen – und wenn einer davon ausfällt, reißt ein Riss durch das ganze Gefüge. In Köln, wo einige Linien noch fahren, während andere lahmgelegt sind, zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Situation: Die Stadt bleibt nicht stehen, aber sie atmet nicht mehr gleichmäßig. Die Fahrgäste, die morgens in die U-Bahn steigen, wissen nicht, ob sie ihr Ziel erreichen werden. Sie wissen nur, dass sie auf etwas warten müssen, das sie nicht kontrollieren können.

Die Höhe, in der diese Konflikte ausgetragen werden, ist nicht die der Wolken, sondern die der Zahlen. 35 Stunden pro Woche, 150 Euro mehr Lohn – diese Forderungen sind keine Forderungen nach mehr, sondern nach ausreichend. Doch die Antwort der Arbeitgeber ist oft die gleiche: Die Stadt kann es sich nicht leisten. Als ob die Stadt nicht schon längst gelebt hätte, während die Löhne derer, die sie am Laufen halten, seit Jahren in der Schwerkraft der Sparpolitik verharren. Die Hochbahn in Hamburg hat es klar ausgesprochen: Die Gewerkschaft handle unverantwortlich. Doch wer trägt wirklich die Verantwortung? Die, die die Löhne kürzen, während die Fahrpreise steigen? Oder die, die sich weigern, die Bremse zu lösen?

Die Passagiere sind die Unsichtbaren in diesem Spiel. Sie stehen in der Kälte, warten auf Busse, die nicht kommen, oder umsteigen müssen, weil eine Linie ausgefallen ist. Sie fragen sich, warum sie für eine Dienstleistung bezahlen, die nicht garantiert wird. Sie spüren die Wut der Fahrer und Fahrgäste, die in den Betriebshöfen auf die Rückkehr der Maschinen warten. Doch während die Gewerkschaft und die Arbeitgeber um die letzten Cent streiten, bleibt eine Frage unbeantwortet: Was passiert mit denen, die nicht streiken können? Mit den Rentnern, die auf die Bahn angewiesen sind? Mit den Schülern, deren Schulweg zur Lotterie wird? Mit den Arbeitnehmern, die ohne ÖPNV keine Arbeit haben?

Die Warnstreiks sind vorbei – zumindest für heute. Doch die Narben bleiben. Sie sind unsichtbar, aber sie sind da. Sie zeigen sich in den leeren Gleisen, in den überfüllten Ersatzbussen, in den Gesichtern derer, die wissen, dass dies nur der Anfang sein könnte. Der Himmel über NRW bleibt klar, aber die Luft ist dünner geworden. Und diejenige, die sie atmen müssen, weiß: Der nächste Sturm kommt bestimmt.

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