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Ölarithmetik: Wie der Nahe Osten Kiews Kriegskasse schließt

9. Juni 2026 — — — E. Wolff

Die Bücher des Nahen Ostens sind nicht ausgeglichen — und das war nie ein Versehen.

Brent bei 87 Dollar im Schnitt, sagt Fitch. Im Spotmarkt längst über 90, mal 94, mal wieder zurück. Die Straße von Hormuz ist seit vierzehn Wochen zu, und niemand in Berlin fragt, was das mit Kiew zu tun hat. Die Antwort ist: alles.

Denn Krieg ist Buchhaltung. Das hat man 1929 gelernt, und man hat es wieder vergessen. Die Ukraine verteidigt sich nicht mit Pathos, sondern mit Devisen. Jede Patrone, die in Charkiw verschossen wird, wurde irgendwo in Frankfurt, in Warschau, in Brüssel in eine Bilanz gebucht. Und jede dieser Bilanzen hängt am Ölpreis. Wie ein Tropf, an dem ein Patient hängt, der nicht atmen darf.

Iran-Israel, Israel-Iran, der Nahe Osten als Dauerfeuer mit gelegentlichen Pausen. Trump ruft zur Deeskalation, die Börsen atmen kurz durch, der Brent fällt um 1,66 Prozent. Man nennt das „Easing". Ich nenne es das Geräusch, das eine Tür macht, bevor sie wieder zufällt.

Für Europa ist die Rechnung eine andere als für Mumbai oder Seoul. Ein Ölpreis über 90 Dollar frisst die Kaufkraft, frisst die Industrieproduktion, frisst die Steuereinnahmen. Und damit frisst er genau jene Margen, die am Ende des Tages in Kiew ankommen — oder eben nicht.

Schauen wir genauer hin, mit der Lupe, die mir die Handelskammer beigebracht hat. Die deutschen Rüstungslieferungen an die Ukraine laufen über Sondervermögen, über Kredite der EIB, über bilaterale Absprachen, über das ringfencing der Verteidigungsausgaben. Alles postnumerando. Alles abhängig von einer fiskalischen Performance, die unter Energiepreisdruck bereits ächzt. Wenn Brent bei 94 steht, hat Berlin zwei Optionen: den Gürtel enger schnallen oder die Rechnung an die nächste Generation weiterreichen. Beides tut es. Beides tut weh. Beides wird in Sonntagsreden nicht erwähnt.

Aber das ist nur die sichtbare Rechnung. Es gibt eine zweite, die stiller geführt wird. Ukrainische Wehrfähige in Deutschland — Männer im wehrfähigen Alter, die hier arbeiten, hier Steuern zahlen, hier in der Logistik stehen, in der Pflege, im Handwerk, in der Produktion. Plötzlich sind sie nicht mehr nur eine humanitäre Akte in der Bilanz des BAMF, sondern ein strategisches Asset auf einer Seite, die niemand offiziell aufschlägt. Die Bundesagentur für Arbeit weiß das. Die Industrie- und Handelskammern wissen das. Die Rüstungsplaner in Stockholm und Kiew wissen das.

Die Frage ist nur, ob Berlin es auch weiß. Offiziell heißt es: humanitäre Hilfe, Schutz nach Genfer Konvention, keine Diskriminierung, keine Verknüpfung mit Wehrdienst. Inoffiziell heißt es: Wir brauchen diese Leute auf dem Arbeitsmarkt, aber wir wollen sie nicht an die Front schicken. Wir brauchen ihre Arbeitskraft, aber nicht ihre Uniform. Ein Spagat, der ökonomisch Sinn ergibt und politisch nicht haltbar ist. Man nennt das in der Bankersprache „Stranded Asset mit_optsjonaler Call-Komponente". In der Sprache der Straße: ein Mensch.

Parallel dazu: Die EU beschließt Rüstungspakete, die niemand vollständig finanzieren kann. Die Angst vor einer „Zweiten Front" — sollte Russland die Schwäche des Westens wittern — zwingt zu einer Logik, die in sich selbst widersprüchlich ist. Man rüstet auf, ohne die Lieferketten zu sichern. Man finanziert Kiew, ohne die eigene Industrie auf Kriegswirtschaft umzustellen. Man redet über Wehrpflicht, ohne den Wehrpflichtigen die Hand zu reichen, die bereits im Land sind, in Lohn und Brot, mit deutschem Sozialversicherungsausweis.

Das ist der Kern des Geschäfts, das niemand offen führt. Die Ukraine wird nicht fallen, weil ihr die Gewehre fehlen. Sie wird fallen, weil ihr die Rechnungen fehlen. Und die Rechnungen fehlen, weil der Nahe Osten die globale Ökonomie so verschiebt, dass die Margen für Solidarität schmaler werden. Tag für Tag. Barrel für Barrel. 0,3 Prozentpunkte hier, ein nach unten korrigiertes Wachstum dort.

Manche nennen das Geopolitik. Ich nenne es Buchhaltung mit Schusswaffen.

Wolff legt die Pfeife ab. Sie ist kalt geworden, wie so oft beim Rechnen.

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