ÖL, SALZ UND DIE SCHWARZEN TRENNEN DER CHALBI
Die Geschichte von Kargi ist kein Einzelfall. Sie ist ein Muster. Ein Muster aus Beton, Rost und vergifteter Erde, das sich seit den 1980er-Jahren in der Wüste Kenias ausbreitet. Damals kamen die Männer von Amoco – später von BP verschluckt – mit ihren Schutzanzügen, die an Astronauten erinnerten, als wären sie auf dem Mars gelandet. Sie bohrten. Fünf Jahre lang. Und als sie gingen, hinterließen sie nicht einmal eine ordentliche Grabstätte für ihre eigenen Abfälle.
Was sie zurückließen, war ein weißer, staubiger Überzug, der sich um die Wasserlöcher legte. Die Einheimischen nannten es Salz. Die Wissenschaftler nannten es später: eine Mischung aus Cadmium, Arsen und Nitraten – Stoffe, die in der richtigen Dosis Krebs machen wie ein Messer in Butter. Die Menschen von Kargi aßen es. Sie salzten damit ihr Goatmeat, das ohnehin schon zu den letzten Nährstoffquellen in einer der ärmsten Regionen Kenias gehörte. Die Tiere starben. Die Menschen krankten.
Die offizielle Version der Firma? „Keine direkte Kausalität nachweisbar.“ Die offizielle Version der Regierung? „Untersuchungen laufen.“ Die offizielle Version der betroffenen? „Gott hat uns bestraft.“
Denn wer misst schon die Dosis, wenn die Menschen ohnehin schon an Unterernährung sterben? Wer zahlt für die Langzeitstudien, wenn die Bohrlöcher längst wieder zugeschüttet sind – mit demselben Staub, der einst die Karzinogene verteilte? Und wer, frag ich mich, hat die ersten Berichte über die „unnatürlichen“ Krebsraten in den Archiven begraben? Die Antwort liegt nicht im Labor, sondern in den Akten der Ölkonzerne, die seit Jahrzehnten lernen, wie man Gift als „Rückstand der Industrie“ verkauft.
Die Zahlen sind alarmierend: In den 2000ern lag die Krebsrate in Kargi dreimal höher als im nationalen Durchschnitt. Besonders betroffen: Speiseröhre und Magen. Die Symptome? „Wie Glas im Hals“, wie ein Dorfältester es formulierte. Eine Metapher, die alles sagt und nichts. Denn wer hat schon eine Metapher für Chemikalien in der Leber?
Die Firma hat nie eine vollständige Entsorgung durchgeführt. Die kenianische Regierung hat nie eine unabhängige Untersuchung verlangt. Und die Welt? Die Welt schaut zu. Weil es ja nur eine kleine Wüste ist. Weil es nur ein paar Dutzend Dörfer sind. Weil Öl immer wichtiger ist als Menschenleben.
Oder etwa nicht?