Opioid-Klagen und neue Medikamente: Der Pharma-Sektor in Turbulenzen
Der Vergleich von 7,4 Milliarden Dollar, den das Gericht nun kippt, war nie mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die eigentliche Frage ist: Wer profitierte wirklich? Die Versicherungen? Die Anwälte? Oder die Investoren, die in den 2000ern Milliarden mit dem „Schmerzmittel-Boom“ machten? Die Insolvenz ist kein Ende, sondern ein neues Kapitel – ein Kapitel, in dem die Sackgasse der Verantwortung beginnt. Die Sackgasse der Sackgassen.
Doch während Purdue Pharma in der Sackgasse der Justiz versinkt, bewegt sich die Pharmaindustrie weiter. Die EMA und FDA haben im Januar 2024 zwei neue ketaminbasierte Antidepressiva zugelassen: Esketamin (Spravato) und ein generisches Ketamin in nasalem Spray. Ketamin, ein Dissociativum, das seit den 1970ern als Rauschmittel und in der Tiermedizin eingesetzt wird, wird nun als „schnelle Hilfe bei schwerer Depression“ vermarktet. Die Studien dazu? Finanziert von den Herstellern selbst. Die Aufsichtsräte? Oft dieselben Namen wie bei den klassischen Antidepressiva – Eli Lilly, Janssen, AstraZeneca. Die Patente? Geschützt durch Formulierungs-Tricks. Die Sackgasse der Psychopharmaka wird tiefer: Während die FDA und EMA die Wirksamkeit feiern, veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung eine Studie, die zeigt, dass klassische Antidepressiva wie Fluoxetin (Prozac) und Sertralin (Zoloft) in vielen Fällen keinen messbaren Nutzen haben – außer Placebo. Die Sackgasse der Evidenz.
Dann ist da noch Adcetris. Brentuximab Vedotin, ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, das 2020 von der EMA zugelassen wurde, um Hodgkin-Lymphome zu behandeln. Doch im Februar 2024 wird die Zulassung widerrufen. Warum? Die EMA spricht von „unzureichenden Daten zur Sicherheit“. Doch wer hat die Daten? Wer hat sie nicht gesehen? Wer hat sie vertuscht? Die Sackgasse der Onkologie: Ein Medikament, das Millionen kostet, wird plötzlich als „zu riskant“ eingestuft – während die Hersteller, wie immer, in den Aufsichtsräten sitzen. Die Sackgasse der Profitlogik.
Und dann Paxlovid. Das von Pfizer entwickelte Molnupiravir, ein Nucleosidanalogon, das in Kombination mit Ritonavir (einem Proteasehemmer aus der HIV-Therapie) gegen COVID-19 eingesetzt wurde. Die EMA warnt nun vor tödlichen Wechselwirkungen mit Statinen – einer der häufigsten Cholesterinsenker, die von den Versicherungen erstattet werden. Die Sackgasse der Arzneimittelinteraktionen: Ein Medikament, das als „Wundermittel“ verkauft wurde, entpuppt sich als Spielzeug für die Pharmaindustrie – während die Patienten in der Sackgasse der Nebenwirkungen landen.
Die eigentliche Frage ist nicht, warum die Zulassungen fallen oder die Klagen scheitern. Die Frage ist: Wer sitzt am Tisch, wenn die Entscheidungen fallen? Die Aufsichtsräte der Hersteller? Die Lobbyisten der Versicherungen? Die Politiker, die sich von Spenden kaufen lassen? Die Sackgasse der Medizin ist keine Sackgasse der Wissenschaft, sondern eine Sackgasse der Macht. Und in dieser Sackgasse verdient jemand immer – nur nicht die Patienten.
Die Sackgasse der Sackgassen.