ORBANS PUPPENSPIELE
Der Regen klopft gegen die Scheiben der Redaktion wie ein Metronom des Untergangs. Draußen, zwischen den dampfenden Schornsteinen und den Laternen, die schon seit 1918 dieselbe Glut verteilen, marschieren die Massen. In Budapest. In Told. Überall, wo Viktor Orbán noch immer regiert wie ein Kaiser, der seine Diener an die Wand stellt, um zu sehen, wer zittert. Elf Prozent. Das ist die Differenz, die ihn jetzt wach hält. Elf Prozent, die zwischen ihm und dem Abgrund liegen – oder zwischen ihm und der Erkenntnis, dass er längst nur noch ein Marionettenspieler ist, dessen Fäden längst von anderen gezogen werden.
Die Fidesz-Partei, einst die unangefochtene Bastion der Macht, bröckelt wie ein Betonbau, der von innen ausgehöhlt wird. Und wer die Risse vertieft? Nicht die Opposition. Sondern die, die sie selbst geschaffen hat. Die Roma-Viertel im Osten, wo die Kinder in Häusern ohne Wasser leben, wo die Männer für 600 Euro im Monat Schutt wegräumen, während die Regierung in Budapest über "soziale Gerechtigkeit" redet wie ein Prediger über die Sünden der Welt. Tamas Veress, der Mann, der dort arbeitet, wo der Staat nur noch Wahlgeschenke verteilt, sagt es mit der trockenen Wut eines Mannes, der weiß, dass Lügen die einzige Währung sind, die hier noch zählt. "Jetzt, wo die Wahlen kommen, beginnt man sich wieder um die Menschen zu kümmern." Als ob Armut ein Wahlkampfversprechen wäre, das man erst kurz vor dem Termin einlöst – wie ein Zuhälter, der dem Mädchen am Abend noch ein paar Kronen gibt, bevor die Polizei kommt.
Orbán hat gelernt. Er kennt die alten Tricks. Die Römer haben ihre Provinzen mit Brot und Spielen regiert. Die Nazis haben die Massen mit Hass und Verschwörungstheorien gefüttert. Orbán tut beides. Er wirft seinem Gegner vor, eine "Marionette Brüssels" zu sein – als ob er selbst nicht längst derjenige wäre, der die Fäden zieht, die aus Moskau kommen. Und während er in Budapest mit "Friedensmärschen" gegen die Ukraine hetzt ("Wir werden keine ukrainische Kolonie sein!"), blockiert er EU-Gelder, als wäre er der letzte Mann, der noch an die Souveränität glaubt – oder der letzte Dummkopf, der denkt, er könnte Ungarn mit Öl und Drohungen am Leben halten.
Peter Magyar, der Aussteiger, der ehemalige Fidesz-Mann, der jetzt mit 100.000 Demonstranten durch die Straßen zieht, ist derjenige, der Orbáns Spiel durchschaut hat. Er wirft ihm vor, Milliarden zu veruntreuen, Freiheiten zu ersticken, und vor allem: ihn zu betrügen. Und das ist das Schlimmste. Nicht die Korruption. Nicht die Unterdrückung. Sondern die Heuchelei. Orbán redet von "nationaler Einheit", während er die Armen im Stich lässt. Er schwört auf "stabile Grenzen", während er die EU an den Rand treibt. Er spielt den Patrioten, während er sich an den Russen klammert wie ein Schiffbrüchiger an einem Floß, das längst untergeht.
Die Umfragen sagen es: Elf Prozent. Nicht genug, um zu gewinnen. Aber genug, um zu ahnen, dass etwas faul ist. Die Frage ist nicht, wer gewinnen wird. Sondern wer am Ende noch übrig bleibt. Orbán wird nicht untergehen. Er hat zu viele Verbündete, zu viele Geister, die er beschwört. Aber er wird auch nicht siegen. Nicht so, wie er es gewohnt ist. Vielleicht wird er dann doch die Marionette sein – die, die am Ende allein dasteht, während die anderen längst weiterziehen.
Und wir? Wir sitzen hier, in dieser rauchigen Hölle aus Schreibmaschinen und halbleeren Whiskygläsern, und warten darauf, dass der nächste Akt beginnt. Denn eines ist sicher: In Ungarn geht es nie um die Wahrheit. Es geht nur darum, wer sie am lautesten schreit.