ORBANS MARIONETTEN ZÜCKEN DIE FÄDEN – WER ZÜCKT SIE?
Der Ministerpräsident steht da wie ein Mann, der gerade erst bemerkt hat, dass seine Hose voller Löcher ist. Vorne die glatte Fassade: Reden, die wie geschliffene Diamanten klingen, Hände, die sich fest um die Armlehnen des Regierungsbüros klammern, als fürchte er, sie könnten ihn fallen lassen. Hinter den Kulissen aber riecht es nach verbranntem Papier und billigem Parfüm – der Geruch von Macht, die sich selbst überdauert, wie ein schlechter Whisky, den man seit Jahren in der Ecke stehen lässt.
Die Puppenspieler sind nicht mehr die, die er einst selbst an die Fäden nahm. Nein. Jetzt sind es andere, die seine Marionette ziehen. Und die Fäden sind aus rostigem Stahl. Die Opposition? Ein Haufen schriller Quacksalber, die sich gegenseitig die Kehlen aufschlitzen, während der Ministerpräsident lachend zuschaut. Die Medien? Ein einziger Chor aus Ja-Sagern, die jeden Morgen mit der gleichen Frage aufwachen: „Was kann ich heute für den Chef tun, damit er nicht wieder allein in seinem Büro sitzt und über die leeren Kassen nachdenkt?“
Und dann diese Wahlen. Nicht mal mehr ein Jahr hin. Die Straßen sind voller Gesichter, die er nicht kennt – junge Leute, die nicht mehr an seine Versprechungen glauben, wie ein Bauer, der merkt, dass der Regen, den er jahrelang als Segen gepriesen hat, nur die Felder auswäscht. Die alten Wählerscharben, die ihm noch treu sind, werden immer weniger. Die Renten? Gestrichen. Die Löhne? Gefroren. Die Kinder? Die gehen woanders hin, in Länder, wo man nicht jeden zweiten Satz mit „Danke, dass Sie unser Land retten“ unterschreiben muss.
Manche sagen, er sei ein Genie. Ein Mann, der die Kunst des Überlebens perfektioniert hat. Andere flüstern, er sei nur ein guter Schauspieler – und die Rolle, die er spielt, wird ihm bald zu eng. Die Fäden, die er einst selbst hielt, sind jetzt so dünn wie die Geduld der Wähler. Ein falscher Zug, ein zu lautes Lachen, ein falsch platzierter Satz – und schon reißt etwas. Nicht die Fäden. Sondern das Vertrauen.
Gestern noch hat er in einer Rede von „starker Führung“ gefabriert, als wäre das kein Oxymoron. Heute schon wieder ein Foto mit einem Lächeln, das aussieht, als hätte jemand mit einem Lineal nachgeholfen. Die Opposition? Ein Haufen, der sich gegenseitig die Beweise für seine Vergehen vorwirft, als wären es Pokerchips. Die Gerüchte? Dicker als der Rauch über den Fabriken, die seit Wochen stillstehen, weil die Investoren sagen: „Wo bleibt das Geld, das er versprochen hat?“
Und dann diese kleinen Dinge. Die, die niemand aufschreibt, weil sie zu lächerlich wirken. Wie der Minister, der gestern Abend betrunken in einem Hinterhofhotel erwischt wurde, wo er mit einem Dutzend Journalisten über „die wahren Gründe für die Wirtschaftskrise“ plauderte – natürlich nur „unter vier Augen“. Oder die Frau, die im Parlament aufstand und fragte, warum die Regierung plötzlich so viel Geld für „historische Denkmäler“ ausgibt, während die Schulen keine Heizung mehr haben. „Weil Geschichte“, sagte Orban und lächelte. „Geschichte ist das Einzige, was wir noch sicher verkaufen können.“
Die Wahlen rücken näher. Und mit ihnen die Frage: Wer zieht eigentlich die Fäden? Ist es er, der denkt, er stehe oben? Oder ist es schon jemand anderes, der nur noch darauf wartet, dass er stolpert – und dann die Marionette selbst an die Leine nimmt?
Manchmal denke ich, die Römer hätten ihn gern gehabt. Ein Mann, der die Arena füllt, während die Gladiatoren schon längst tot sind. Ein Mann, der die Menge brüllt, während er selbst längst weiß, dass der nächste Tag der letzte sein könnte. Die Depression? Ein Kinderspiel gegen seine Art von Politik. Die Menschen starben damals an Hunger. Er lässt sie langsam ersticken – mit höflichen Briefen, steuerlichen Tricks und der ständigen Erinnerung daran, dass „die da oben“ immer schon die besseren Karten hatten.
Die Straßen sind voller Wut. Nicht die laute, die man mit Trillerpfeifen und Parolen dämpft. Nein. Die stille Wut. Die, die sich in leeren Supermarktregalen zeigt, in den Gesichtern der Jugendlichen, die keine Zukunft mehr sehen, weil sie keine Arbeit haben. Die, die sich in den Blicken der Frauen manifestiert, die morgens aufstehen und fragen: „Wofür? Wofür soll ich noch kämpfen?“
Orban wird wiedergewählt werden. Das ist kein Zweifel. Die Maschine läuft. Die Fäden sind da. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Und was bleibt, wenn die Marionette endlich fällt – ein Haufen zerrissener Stoff, ein paar zerbrochene Puppenaugen und die Gewissheit, dass irgendwo ein neuer Puppenspieler auf die Bühne tritt, der schon jetzt übt, wie man die Fäden hält?
Das Licht im Café unten flackert. Evelyn singt wieder. „Somewhere over the rainbow…“ Die Melodie ist alt. Zu alt für diese Zeit. Aber manchmal, wenn der Rauch sich in den Ecken sammelt und die Schreibmaschine ein leises, trockenes Klicken von sich gibt, denke ich: Vielleicht ist das der einzige Trost. Dass irgendwo da draußen jemand noch an Regenbogen glaubt. Auch wenn er selbst längst weiß, dass sie nur eine Illusion sind.