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Machtspiele, Masken, Milliarden – Bayern vor 2026

11. Juni 2026 — — — M. Silber

Es beginnt nicht in München. Es beginnt in Zürich, in Miami, in jenen Konferenzräumen, in denen über die Welt des Fußballs entschieden wird, während die Kameras längst aus sind. Der FC Bayern München, der deutsche Rekordmeister, der Stolz der Bundesliga, sitzt im Jahr 2026 zwischen allen Stühlen. Die WM 2026 wurde vergeben an die USA, Kanada und Mexiko. FIFA hat gesprochen. Doch was in den offiziellen Mitteilungen glatt und geschlossen klingt, ist in Wahrheit ein Riss, der durch die Säbener Straße geht.

Was die FC Bayern AG nach außen trägt, ist die Sprache der Stabilität. Worte wie "Verlässlichkeit", "Tradition", "Werte" – die in jeder Pressekonferenz wiederkehrenden Vokabeln eines Vereins, der sich als Anker der Branche inszeniert. Was nach innen brodelt, sieht anders aus. Da sind die Transferstreitigkeiten, die das letzte Transferfenster geprägt haben. Da sind die ungelösten Fragen rund um den sogenannten Gate-Skandal, der bis in das Jahr 2020 zurückreicht und mit der damaligen Vereinsspitze um Uli Hoeneß verknüpft bleibt. Da sind Machtkämpfe, Personalwechsel, ein Aufsichtsrat, der sich öffentlich schweigt und intern zerreibt.

Eine Quelle, die anonym bleiben will – aus gutem Grund, denn wer in München auspackt, verlässt München oft schnell –, spricht von einer "Atmosphäre der Angst". Von Mitarbeitern, die ihre Mails nicht mehr öffnen. Von Beratern, die ihre Honorare nicht mehr abrechnen können, weil die Buchhaltung "gerade umstrukturiert wird". Wer das hört, denkt an einen Fußballverein. Wer genauer hinhört, denkt an ein Unternehmen in der Krise.

Die offiziellen Stellungnahmen des Vereins gleichen sich. Man bedaure die "Spekulationen". Man vertraue den "etablierten Prozessen". Man werde "zum gegebenen Zeitpunkt" informieren. Das ist die Grammatik der Macht: Je weniger gesagt wird, desto lauter muss man zuhören.

Doch das eigentlich Beunruhigende ist nicht das, was Bayern tut, sondern das, was Bayern nicht tut. Die WM 2026, die größte Bühne, die der Weltfußball je gebaut hat, wird ohne nennenswerten europäischen Widerstand vergeben. UEFA, DFB, Bundesliga – sie haben protestiert, sie haben Briefe geschrieben, sie haben Interviews gegeben. Dann haben sie geschwiegen. Und in diesem Schweigen liegt eine strategische Niederlage, über die in München niemand sprechen will.

Denn eine WM 2026 in Nordamerika bedeutet mehr als nur drei Gastgeberländer. Sie bedeutet Sommer in der Hitze von Dallas, Houston, Guadalajara. Sie bedeutet Anstoßzeiten, die an europäischen Gewohnheiten vorbeigehen. Sie bedeutet TV-Märkte, in denen der deutsche Fußball künftig zur Mittagszeit spielt, wenn die Kinder in Europa in der Schule sitzen. Sie bedeutet eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, die sich in Zahlen übersetzen lässt – in TV-Einnahmen, in Sponsoringverträgen, in Ablösesummen.

Bayern hat das verstanden. Man hat es in Aufsichtsratsprotokollen gelesen, in vertraulichen Mails, die an die Öffentlichkeit gespielt wurden und in den Redaktionen dieser Welt wenig Beachtung fanden. "Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der Fußball nicht mehr automatisch in Europa stattfindet", heißt es in einem internen Papier, das dem Terminal Tribune vorliegt. Wann immer solche Papiere auftauchen, ist die Antwort der PR-Abteilung dieselbe: "Das Papier kennen wir nicht." Oder: "Es handelt sich um einen Entwurf." Oder: "Es ist aus dem Kontext gerissen." Das sind die Schilde, hinter denen sich Vereine verstecken, wenn die Wahrheit unbequem wird.

Die Widersprüche sind dabei so offensichtlich, dass man sich fragen muss, ob sie noch Widersprüche sind oder schon Strategie. Einerseits: öffentliche Bekundungen, die europäische Solidarität betonen, die den europäischen Fußball als Wertegemeinschaft preisen. Andererseits: ein Verein, der bei jeder Vergabe mitmischt, der seine Berater nach Zürich schickt, der seine Kontakte pflegt – und am Ende mit leeren Händen dasteht. Ein internes Papier, das in der Branche kursiert, spricht von einer "strategischen Bankrotterklärung", ohne den Verein beim Namen zu nennen. Wer die Münchner Fußballszene kennt, weiß, wer gemeint ist.

Und mittendrin: die Spieler. Die jungen Männer, die für ein paar Jahre nach München kommen, das Training an der Säbener Straße absolvieren, in der Allianz Arena spielen und dann weiterziehen. Ob nach Manchester, Madrid oder, immer öfter, in die MLS. Die WM 2026, so sagen es Berater, die ich kenne, werde den Abwanderungsdruck erhöhen. Junge deutsche Spieler werden nicht mehr fragen, ob sie in der Bundesliga bleiben wollen, sondern wann der Sprung nach Nordamerika sich lohnt. Für Bayern, das weiß jeder in der Branche, ist das eine mittelfristige Katastrophe.

Doch anstatt diese Sorgen offen zu adressieren, hüllt sich der Verein in die Sprache der Erfolge. Man feiert Meisterschaften. Man zitiert Uli Hoeneß, der den Verein wie wenige kennt und der nach seiner Verurteilung im Steuerverfahren 2015 und den immer wieder aufflammenden Vorwürfen rund um den Gate-Komplex eine zweite Karriere als Elder Statesman des deutschen Fußballs begonnen hat. Hoeneß ist dabei gleichzeitig Galionsfigur und Risiko. Sein Name steht für die alte Ära, für Wachstum, für eine Zeit, in der Bayern die Bundesliga war. Sein Name steht aber auch für die unbeantworteten Fragen der Vergangenheit, für jene Geschäfte, die nie vollständig aufgeklärt wurden.

Was bleibt, ist ein Verein, der seine Krisen nicht mehr kommunizieren kann, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Eine Bundesliga, die sich als Wiege des europäischen Fußballs versteht und zusehen muss, wie die nächste Weltmeisterschaft in Dallas, Atlanta und Monterrey entschieden wird. Sie schweigt. Bayern schweigt mit ihr.

Die offenen Fragen liegen auf dem Tisch. Wer hat welche Beraterverträge unterschrieben? Welche Summen sind in welche Kanäle geflossen? Welche Rolle haben einzelne Aufsichtsräte in der WM-Vergabe gespielt, hinter den Kulissen, ohne Mandat, ohne Protokoll? Solange diese Fragen nicht gestellt werden, bleibt der Verein das, was er seit einigen Monaten ist: eine Festung mit goldenen Toren und leeren Gängen.

Es gibt einen kleinen Koffer unter meinem Schreibtisch. Er ist immer gepackt. Man weiß nie, wann man ihn braucht. Heute nicht. Aber morgen vielleicht.

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