NARELLE FRISST QUEENSLAND – UND DIE MIT ESSEN
Der Sturm hat die Hölle auf Erden gebracht. Nicht so sehr mit Feuer und Schwert wie die Römer in Carthago, sondern mit Wasser, Wind und einer Art stiller Wut, die alles verschlingt, was nicht wegläuft. Narelle, dieser verdammte Tropen-Cyclone, hat Queensland in Stücke gerissen wie ein hungriger Bär ein Schaf. Und jetzt? Jetzt sitzen die Leute in Schlamm, in Trümmern, in der Asche ihrer eigenen Hoffnungen. Die Regierung redet von „Notmaßnahmen“, aber die Not ist längst da – sie hat sich in die Hosen gemacht und lacht.
In den evakuierten Dörfern riecht es nach nassem Stroh und Angst. Die Straßen sind Kanäle, die Häuser leere Schalen. Die Leute stehen in Schlange vor den Notunterkünften, nicht mit leeren Händen, sondern mit leeren Blicken. Ein Mann aus Rockhampton erzählte mir, er habe seine Frau seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Nicht tot. Nicht lebendig. Nur weg. Wie ein Geist im Regen. Die Regierung hat „Rettungsaktionen“ organisiert – aber wer rettet wen? Die Helfer? Die Verlorenen? Oder nur die Fotos für die Zeitungen?
Die Notdurft ist zum größten Problem geworden. Kein Strom. Kein Wasser. Kein Abwasser. Die Leute pissen in Eimer, scheißen in Säcke, und das alles stinkt wie ein Schlachthof im Sommer. Die Regierung hat „Hygienepakete“ versprochen – aber wer kontrolliert, ob die auch ankommen? Wer kontrolliert, ob die Leute überhaupt noch wissen, was Hygiene ist, wenn sie seit Tagen in Schlamm hocken? Ein paar Frauen in Townsville haben mir erzählt, sie hätten ihre Kinder mit nassen Tüchern abgewischt, weil Seife ein Luxus ist. Ein Luxus, den sich die Hölle nicht leisten kann.
Die Regierung? Die steht da wie ein betrunkener Offizier auf dem Schlachtfeld. Sie redet von „Rehabilitation“, von „Wiederaufbau“, aber was ist mit den Menschen, die heute noch frieren? Was ist mit denen, die morgen vielleicht keine Nahrung mehr haben? Die letzten Zelte sind wie ein Versprechen – hohl, zerfetzt, ohne Inhalt. Ein Gouverneur hat gestern gesagt, Queensland werde „stärker zurückkehren“. Stärker? Aus was? Aus dem Schlamm? Aus der Verzweiflung?
Und die Presse? Die schreibt von „Opfern“. Von „Leid“. Von „Heldentum“. Aber wer sind die Helden? Die, die mit Booten durch den Dreck fahren? Die, die in den Ruinen nach Überlebenden suchen? Oder die, die einfach weiterleben, während andere untergehen? Die Wahrheit ist: Es gibt keine Helden. Nur Menschen. Und Menschen, die im Regen stehen und warten.
Ich habe heute einen alten Mann getroffen. Er hieß Tom. Er hatte eine Flasche Rum in der Hand und eine Zigarette, die er nicht anzünden konnte, weil kein Feuer mehr da war. „Früher“, sagte er, „hatte man wenigstens den Krieg. Da wusste man, wer der Feind ist.“ Jetzt? Jetzt ist der Feind der Wind. Und der Regen. Und die eigene Ohnmacht.
Die Regierung wird reden. Die Zeitungen werden schreiben. Die Leute werden weiterleben. Aber Queensland? Queensland wird sich nie wieder ganz erholen. Nicht von diesem Sturm. Nicht von dieser Art von Verlust.
Und ich? Ich setze mich hier hin, trinke meinen Bourbon, und warte darauf, dass der nächste Sturm kommt. Weil das hier nicht vorbei ist. Das ist erst der Anfang.