DIE ROMANTIK IST EIN KRIEG — UND WIR SIND DIE KANONENFUTTER
Die Luft in dieser Stadt riecht nach verbranntem Zucker und billigem Parfüm. Irgendwo spielt ein Akkordeon „Lili Marlene“, aber die Melodie ist schon kaputt, bevor sie die Straßen erreicht. Die Leute hier – wir alle – hungern nicht mehr nur nach Brot. Wir hungern nach Gefühl. Und die Fabriken der Sehnsucht laufen auf Hochtouren.
Romantik ist kein Gedicht mehr. Sie ist ein Massenphänomen. Ein Albtraum in Reimen. Die Zeitungen vollstopfen uns mit Liebesbriefen von Frauen, die ihre Männer an den Fronten vermissen (die es nicht gibt), mit Werbeanzeigen für „Echte Romantik – garantiert ohne Krieg“ und mit Reportagen über „die Rückkehr der Galanterie“, als wäre das eine Erfindung der Pharmazeuten. Die Kinoleuchtreklamen flüstern „Liebe dich heute“ in die Gesichter der Passanten, während draußen die Mülltonnen überquellen wie die Herzen derer, die sich gestern noch für unsterblich hielten.
Die Technologie hat die Romantik zur Massenware gemacht. Das Telefon – dieses teure, nervöse Ding – schreit jetzt „Ich liebe dich“ über Drähte, die eigentlich für Kriegsmeldungen gedacht waren. Die Schallplatten drehen sich, und die Stimmen der Sängerinnen klagen über „Herzen, die zerbrechen wie Glas“ – als wäre das nicht nur ein Geschäft, sondern eine Religion. Die Frauen lesen „Liebesratgeber“ in Zeitschriften mit Titeln wie „Wie man einen Mann in sieben Tagen gefangen hält“, während die Männer in den Bars die Köpfe schütteln und sagen: „Früher hat man sich mit einem Blick verstanden. Heute muss man erst mal wissen, wie man einen Blick verkauft.“
Und die Kultur? Die Kultur ist ein Spiegel, der uns zeigt, wie sehr wir uns selbst belügen. Die Theaterstücke handeln von „verlorenen Schätzen der Liebe“, die niemand mehr sucht. Die Dichter schreiben Sonette über „die letzte Rose im Winter“, während draußen die Straßenlaternen flackern wie die Hoffnung derer, die sich fragten: „Was, wenn die Romantik nur ein Trick ist, um uns zu bremsen?“
Die Romantik ist heute ein Geschäft. Ein Zirkus. Ein letzter Schrei vor dem Abgrund. Die Leute kaufen sich „Romantik zum Mitnehmen“ wie ein Stückchen Käse in der Bäckerei – und merken erst, als sie zu Hause sind, dass es nur Pappe ist. Die Frauen tragen „Liebesbriefe in ihren Handtaschen“ wie Amulette gegen das Unglück. Die Männer bestellen „Romantik per Post“ und erhalten statt Rosen nur Rechnungen.
Und wir? Wir lächeln. Wir kaufen. Wir erwarten. Als wäre die Romantik nicht längst ein Auslaufmodell – ein Relikt aus einer Zeit, in der die Menschen noch glaubten, dass die Welt nicht aus Beton und Sehnsucht besteht.
Die Frage ist nicht, ob wir die Romantik vermissen. Die Frage ist: Wann merken wir, dass wir sie schon längst verloren haben?