Paragraph 115: Das Gesetz, das den Verstand entschuldigt
Das Gesetz verspricht viel. Es misst wenig. In Kerala, einem Bundesstaat an der Malabarküste Indiens, hat das Hohe Gericht am achten Juni 2026 eine Frau freigesprochen, die 2016 ihr fünfzehn Monate altes Kind erstickt haben soll. Die Begründung: Sie habe zur gleichen Zeit versucht, sich selbst zu töten, und das indische Mental Healthcare Act von 2017 — in Kraft seit 2018 — unterstelle in einem solchen Fall schweren psychischen Stress. Paragraph 115, diese kleine Ziffer, soll den Schuldspruch auflösen wie ein Lösemittel das Salz.
Ich notiere.
Zunächst die Tatsachen, kalt wie das Metall eines Stethoskops. Eine Mutter, ein Kind von fünfzehn Monaten, ein Todeszeitpunkt im Jahr 2016. Die Frau versuchte, sich zu töten. Die Anklage verfolgte den Versuch — Paragraph 309 des indischen Strafgesetzbuchs — nicht ernsthaft. Der öffentliche Ankläger machte Konzessionen. Das Bezirksgericht sprach sie 2023 dennoch des Mordes schuldig und verurteilte sie zu lebenslanger Haft. Das Verfahren hatte 2021 begonnen, also nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes. Im Juni 2026 kassierte das Hohe Gericht von Kerala das Urteil. Die Richter Raja Vijayaraghavan V und K V Jayakumar befanden: Das Mental Healthcare Act greife rückwirkend, Paragraph 115 finde Anwendung, die Frau sei als unter schwerem Stress stehend zu vermuten, könne daher nicht nach dem Strafgesetzbuch bestraft werden.
Was bedeutet das? Was bedeutet es wirklich?
Es bedeutet, dass ein Gesetz, das nicht misst — das nicht den Cortisolspiegel im Blut prüft, nicht die elektrische Aktivität des Gehirns kartiert, nicht die Vorgeschichte von Wochenbettdepressionen rekonstruiert — dennoch entscheidet, dass ein Verstand so beschaffen war, dass er nicht zurechnungsfähig handelte. Paragraph 115 ist keine Diagnose. Es ist eine Vermutung. Das lateinische Wort "praesumptio" heißt: Wir nehmen an, ohne zu beweisen. Die Annahme kleidet sich in den Talar des Gerichts, aber sie bleibt eine Annahme. Der Richter spricht es selbst aus: Die Umstände hätten "prima facie relevantes Beweismaterial" für den Vorwurf des Selbsttötungsversuchs gebildet. Doch dann habe die Anklage, so das Urteil, "aus Gründen, die sie am besten kenne" keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, diesen Vorwurf zu untermauern. Das ist keine Erklärung. Das ist ein weißer Kittel über einem leeren Operationssaal.
Hier wird es interessant, und hier wird es gefährlich. Die rückwirkende Anwendung eines Gesetzes ist ein juristisches Werkzeug, das man mit Vorsicht handhaben sollte wie ein Skalpell. Das Mental Healthcare Act trat 2018 in Kraft. Die Tat geschah 2016. Das Gericht entschied, dass die Anwendung im konkreten Fall legitim sei, da das Verfahren 2021 begonnen habe. Aber die Frage ist nicht, wann das Verfahren begann. Die Frage ist, wann die Handlung geschah. Die Handlung ist der einzige Moment, in dem ein Verstand entweder krank oder gesund war. Alles danach ist Interpretation. Alles danach ist Theorie.
Ich erinnere mich an Versprechen, die nicht gehalten wurden. Die Psychiatrie des vergangenen Jahrhunderts hat versprochen, die Geister zu kartieren. Stattdessen hat sie Diagnosen erfunden — nicht gefunden, erfunden — die in Mode kamen und wieder verschwanden. Hysterie. Neurasthenie. Hebephrenie. Jede Generation benennt das Unsagbare neu und glaubt, es damit messbar zu machen. Paragraph 115 ist ein solcher Name. Er klingt nach Gesetz, aber er riecht nach Erlösung. Die Frau wird nicht bestraft, weil sie gestresst war. Aber Stress ist keine Einheit. Stress hat keine Skala, die vor Gericht Bestand hätte.
Drei Fragen, die jeder Wissenschaftler stellen würde. Wer hat bezahlt für die psychiatrische Begutachtung? Wer hat widersprochen? Was wurde nicht gemessen? Der Text des Urteils, soweit er uns vorliegt, schweigt zu allen dreien.
Was ich sehe, ist ein Gericht, das einer schwierigen Frage ausweicht. Eine Mutter tötet ihr Kind. Das ist keine Tat, die in den Akten verschwinden sollte. Es ist eine Tat, die erklärt werden muss — nicht entschuldigt, nicht überschrieben mit der Magie eines Paragraphen. Die Erklärung könnte lauten: postpartale Psychose, unerkannte Krise, ein System, das versagte. Aber das sind keine Erklärungen, die das Urteil liefert. Das Urteil liefert eine Vermutung. Die Mutter war unter Stress, also war sie nicht sie selbst. Wer war dann sie? Und wer hat das Kind erstickt?
Die Wissenschaft misst. Das Gesetz nicht. Das ist der alte Konflikt, und er wird nicht älter, nur die Akteure wechseln. In Kerala sitzen zwei Richter, die einer armen Frau die Möglichkeit geben, weiterzuleben ohne das Etikett der Mörderin. Das ist menschlich. Das ist verständlich. Aber es ist nicht Wissenschaft. Es ist Barmherzigkeit in der Sprache des Gesetzes, und Barmherzigkeit ist keine Messgröße.
Ich lege die Pfeife aus dem Mund. Das Laboratorium würde mir das übelnehmen, aber ich bin kein Laboratorium mehr. Ich bin Journalist. Und meine Frage an die Leser dieser Zeitung lautet: Wenn ein Gesetz einen Verstand entschuldigen kann, ohne ihn zu untersuchen — welche anderen Verbrechen warten dann auf ihren eigenen Paragraphen 115?