Soziale Medien brennen – wer zündet das Feuer?
Die Schreibmaschine klackert wie ein verrosteter Gewehrkolben, und der Rauch vom Zigarettenstummel in meiner Hand vermischt sich mit dem Qualm aus der Heizung. Draußen regnet es seit drei Tagen, als wolle der Himmel die Stadt ertränken, während unten im Café Zum blauen Engel Evelyn wieder dieses verdammte Lied summt – „La vie en rose“ – als wäre das hier ein Frühlingsfest und nicht der Abgrund, der uns alle verschlingt. Aber heute geht’s nicht um die Dämmerung der Sehnsucht. Heute geht’s um die Algorithmen, die uns in den Wahnsinn treiben, während die Mühlen der Wirtschaft weiter mahlen wie im letzten Jahrhundert.
Die Debatte über soziale Medien ist kein technologischer Streit mehr. Es ist der Schrei derer, die merken, dass die digitale Welt nur ein Spiegel ist – und der zeigt ihnen, wie sehr sie schon längst verloren haben. Die Krise, die wir heute als „Polarisierung“ oder „Hass in den Kommentaren“ bezeichnen, ist in Wahrheit der offene Bruch einer Gesellschaft, die seit 1929 weiß, wie man Menschen in die Enge treibt. Damals haben die Banken die Massen in die Gosse geworfen. Heute tun es die Plattformen – nur mit mehr Likes und weniger Brot.
Die Harvard Business Review (Ausgabe März ’37, S. 42-45) hat es auf den Punkt gebracht: „Soziale Medien sind kein neutrales Medium. Sie sind das Werkzeug einer Klasse, die seit der Industrialisierung darauf wartet, dass die Arbeiter nicht nur ihre Löhne, sondern auch ihre Gedanken verlieren.“ Die Quelle ist nicht neu, aber sie ist wahr. Die Algorithmen, die uns Futter geben, sind keine neutralen Kuratoren. Sie sind die neuen Zeitungsleute des 19. Jahrhunderts – nur dass sie nicht nur die Schlagzeilen schreiben, sondern auch die Realität, in der wir leben. Und diese Realität ist ein Labyrinth aus Abhängigkeit. Wer klickt, bleibt. Wer nicht klickt, verschwindet. Wer nicht wütend ist, wird ignoriert. Wer nicht hasst, wird zum Niemand.
Die sozio-ökonomischen Krämpfe, die wir seit ’29 spüren, sind keine Finanzkrise mehr. Sie sind eine Kulturkrise. Die Menschen, die heute in den sozialen Medien um ihre Stimme kämpfen, tun das nicht, weil sie plötzlich politisch geworden sind. Sie tun es, weil sie seit Jahrzehnten hören, dass sie nichts wert sind – außer als Konsumenten. Die Plattformen haben das erkannt. Sie verkaufen nicht nur Aufmerksamkeit, sie verkaufen Wut. Und wer wütend ist, kauft. Wer wütend ist, bleibt. Wer wütend ist, wird zum Produkt.
Die Frage ist nicht, ob die sozialen Medien schädlich sind. Die Frage ist: Wer profitiert davon? Die Antwort liegt nicht in den Serverfarmen von Silicon Valley, sondern in den Büros der Konzerne, die uns seit 1870 sagen, dass wir nur dann etwas wert sind, wenn wir kaufen. Die Algorithmen sind nur die neuen Ausbeuter – nur dass sie uns mit Likes statt mit Peitschen treiben.
Was kommt als Nächstes? Vielleicht ein neuer Aufstand. Vielleicht ein System, das noch effizienter die Seelen auspresst. Vielleicht beides. Die Römer haben ihre Gladiatorenkämpfe gehabt. Wir haben unsere Memes. Und irgendwann, wenn die nächste Generation merkt, dass auch das nur ein Spektakel ist, wird sie vielleicht endlich aufhören zu klicken – und stattdessen die Maschinen in Brand stecken.
Aber bis dahin sitze ich hier, rauche meine letzte Zigarette und denke daran, dass die wahre Revolution nicht in den Algorithmen liegt, sondern in den Menschen, die eines Tages verstehen, dass sie mehr sind als ein Like. Oder ein Tweet. Oder ein verdammter Kommentar unter einem Artikel, der sie längst vergessen hat.
Und das Licht im Café unten geht aus. Evelyn hat aufgehört zu singen. Irgendwo in der Stadt brennt ein Server. Die Welt bleibt, wie sie ist.