Sturm über Hormuz: Achtzehn Ziele, hundert Lügen, eine Frage
Der Rauch in der Redaktion schmeckt heute nach Brackwasser und Benzin. Evelyn unten im Café singt etwas Trauriges, und die Schreibmaschine wartet. Also schreibe ich.
Donald Trump sagt, Iran brauche „zu lange für ein Abkommen". Zu lange. Als gäbe es einen Schalter, an dem man Verhandlungen auf „schnell" stellen könnte, wenn man nur den richtigen Knopf findet. Wer zu lange braucht, sagt er, „muss den Preis zahlen". Welchen Preis? Wessen Preis? Die Frage steht im Raum wie der Geruch von verbranntem Kerosin über dem Golf.
Die Meldungen aus der Region überschlagen sich. Irans IRGC – die paramilitärische Garde, die man besser nicht mit einer Bürgerwehr verwechselt – behauptet, achtzehn amerikanische Ziele in Kuwait und Bahrain getroffen zu haben. Ali Al Salem, Ahmed Al Jaber in Kuwait. Sheikh Isa in Bahrain. Drei Stützpunkte, von denen aus seit Jahrzehnten die Fünfte Flotte der USA die Gewässer bewacht, als wäre das Meer ein Vorgarten, den man in Ordnung zu halten hat.
Und dann der Sockelschlag: Iran sagt, Drohnen hätten die Fünfte Flotte selbst ins Visier genommen. Vergeltung, heißt es. Vergeltung für US-Schläge gegen iranische Aufklärungsanlagen, Kommunikationssysteme, Luftabwehrstellungen im Süden des Landes. Eine Eskalation, die so symmetrisch klingt, dass sie beinahe choreografiert wirkt. Schlag, Gegenschlag, Schlag, Gegenschlag – wie ein Taktstock auf einem Trommelfell.
Aber hier, Ladies and Gentlemen, beginnt der Zirkus.
In Bahrain heulen Sirenen. Menschen rennen in Schutzräume. Raketen, Drohnen – die Angriffe müssen real sein, denn eine Luftschutzsirene lügt nicht. Und Kuwait reagiert, auf Raketen und Drohnen, das ist die offizielle Linie. Aber wie schwer? Wie viel Schaden? Welche Waffe hat was getroffen? Davon, liebe Leser, hört man aus den Hauptstädten des Westens nichts. Nur Tonalität. Nur Empörung. Nur „wir prüfen". Und „wir prüfen" ist das diplomatische Äquivalent für eine zugeschlagene Tür.
Das US-Militär bestreitet unterdessen eine vollständige Sperrung der Straße von Hormuz. Vollständig, sagt Washington, sei die Meerenge nicht geschlossen. Eine feine Wortwahl. Wer eine Brücke nicht vollständig zum Einsturz bringt, hat sie also gar nicht beschädigt. Wer einen Hafen nicht vollständig blockiert, hat ihn also passierbar gelassen. Wer die Fünfte Flotte nicht vollständig versenkt, hat sie also gar nicht getroffen. Diese Logik ist bemerkenswert elastisch. Sie dehnt sich, bis sie passt, und passt dann immer.
Die iranische Staatspresse behauptet das Gegenteil: Die Fünfte Flotte sei getroffen. Hormuz sei zu. Triumph. Fotos, Videos, propagandistisch aufgepumpt bis zum Bersten. Aber: Wo sind die Satellitenbilder? Wo die unabhängigen Aufnahmen? Wer hat den Schaden gesehen, gemessen, gezählt? Kein Fact-Checker sitzt an dieser Front, meine Damen und Herren. Nur ein Reporter mit einer Schreibmaschine und einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wie Propaganda riecht – süßlich, schwer, nach billigem Lack.
Die US-Streitkräfte, sagt man, hätten iranische Aufklärungsfähigkeiten, Kommunikationssysteme und Luftabwehrstellungen im Iran selbst angegriffen. Das klingt nach einem chirurgischen Eingriff. Nach einem Skalpell, nicht nach einem Vorschlaghammer. Aber auch hier: Wer hat verifiziert? Welche Radaranlagen sind noch kalt? Welche Kommandobunker sind noch heiß? Die Pentagon-Briefings lesen sich wie die Hausordnung eines Hotels, in dem gerade eingebrochen wird – alles geregelt, alles unter Kontrolle, Zimmer bitte nicht betreten.
Trump sagt, Iran müsse „den Preis zahlen". Aber welcher Preis wurde bislang gezahlt? Auf iranischer Seite: zerschlagene Aufklärung, blinde Radare, stumme Kommunikation. Auf amerikanischer Seite: Sirenen in Bahrain, Drohnenangriffe auf Stützpunkte, eine Fünfte Flotte, über deren Zustand zwei Hauptstädte sich widersprechen wie betrunkene Zeugen vor Gericht. Das ist kein Preis. Das ist ein Wechselkurs, und niemand nennt den Kurs.
Und mittendrin: die Straße von Hormuz. Ein Fünftel des globalen Ölhandels fließt durch diese Rinne. Wenn Iran die Meerenge tatsächlich schließt – auch nur stundenweise, auch nur symbolisch –, dann kippt nicht nur eine Region, dann kippt ein ganzer Zirkus aus Tankern, Versicherungen, Börsen, Wechselstuben. Die Weltwirtschaft ist ein Kartenhaus, und hier wird gerade gezogen. Aber niemand will zugeben, dass die Karten fallen könnten. In Washington nicht. In Teheran nicht. Beide Seiten spielen ein Spiel, dessen Regeln sie selbst aufstellen, und der Schiedsrichter hat längst das Stadion verlassen.
Was bleibt? Sirenen in Bahrain. Drei Namen von Stützpunkten. Eine Fünfte Flotte, die angeblich getroffen wurde und gleichzeitig nicht getroffen wurde. Eine Meerenge, die angeblich zu und gleichzeitig offen ist. Und ein Präsident, der „Preis" sagt, als wäre Krieg ein Kassenbon.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Die Schreibmaschine klappert noch. Und irgendwo zwischen Kuwait und Manama, zwischen Teheran und Washington, zählt jemand die Lügen. Es ist nur die Frage, ob er damit jemals fertig wird.