SURATS HÖLLE: WENN DIE GASFLASCHE STREIKT
Die Römer hatten ihr Aquädukt. Wir haben die Gasleitung. Und heute, in dieser Stadt, wo einst die Seide floss wie Blut durch Adern, erstickt sie jetzt der Mangel. Nicht von Schwertklingen, nicht von Bomben – nein, von leeren Flaschen und wütenden Frauen, die mit Pfannen gegen die Decke schlagen wie Dämonen, die um ihr letztes Stück Kohle betteln.
Es begann mit einem Knall. Nicht der eines Schusses, sondern der eines Ventils, das sich weigerte zu öffnen. Seit Wochen nowt die LPG-Krise die Textilarbeiter von Surat – und mit ihr die Illusion, dass Fortschritt mehr ist als ein verzweifelter Kampf um die nächste Mahlzeit. Die Fabriken stehen still. Nicht wegen Streiks, nicht wegen Streikbrechern, sondern weil die Frauen, die Kinder, die Männer, die einst die Fäden zogen wie Gebete durch die Luft, jetzt vor leeren Küchen stehen. Die Regierung hat Notverordnungen erlassen. Die Polizei patrouilliert nicht mehr gegen Diebe, sondern gegen den Hunger. Priorität Haushalte. Als ob das ein Witz wäre. Als ob ein Mann, der seit drei Tagen nichts mehr in sich bekommt, zwischen „Überleben“ und „Arbeit“ wählen könnte.
Die Zahlen? Die gibt’s nicht. Die Zahlen verbrennen mit dem Essen. Aber die Gerüchte? Die Gerüchte sind wie der Rauch über den Dächern – dick, schwarz, und jeder atmet sie ein. Die Fabriken schließen. Nicht weil die Aufträge ausbleiben – nein, weil die Arbeiter nicht mehr kommen. Die Frauen, die einst zwölf Stunden am Tag Webstühle bedienten, stehen jetzt in Schlangen vor den Depots, wo die letzten Flaschen wie Reliquien gehortet werden. Ein Liter Gas für drei Tage. Drei Tage. Stell dir vor, du musst in drei Tagen entscheiden: kochst du heute Abend Reis, oder sparest du die Flasche für morgen, wenn die Kinder Fieber haben. Die Kinder. Immer die Kinder.
Die Regierung redet von „temporären Engpässen“. Die Engpässe sind kein temporärer Zustand. Sie sind der neue Normalzustand. Die LPG-Lieferungen? Unterbrochen. Warum? Weil irgendwo in der Welt zwei Männer mit Uniformen und Hass im Bauch sich gegenseitig die Eier aus dem Leib schießen. Weil die Tanker nicht durchfahren können. Weil die Pipelines nicht mehr sicher sind. Weil der Krieg, der irgendwo anders tobt, hier den Geschmack der Suppe vergiftet.
Und die Textilarbeiter? Die Textilarbeiter sind die ersten, die bezahlen. Nicht mit Geld, sondern mit ihrem Schweiß, ihrer Gesundheit, ihrer Würde. Die Fabriken, die einst Surat zum zweiten Manchester Indiens machten, rosten jetzt. Die Maschinen stehen still. Die Löhne? Die Löhne sind nur noch ein leeres Versprechen, wenn der Magen knurrt. Die Männer, die einst stolz ihre Webstühle bedienten, gehen jetzt nach Hause. Nicht, weil sie reich sind. Sondern weil sie nicht mehr können. Die Frauen, die einst die Fäden spannen wie Gebete, kochen jetzt auf offenem Feuer. Die Kinder? Die Kinder spielen nicht mehr. Sie starren in die leeren Töpfe und fragen sich, warum die Götter sie vergessen haben.
Die Regierung hat Notrationen verhängt. Die Notrationen sind kein Geschenk. Sie sind eine Beleidigung. Eine Beleidigung für die, die schon immer zu wenig hatten. Die, die schon immer die letzten Krümel aufteilten. Die, die jetzt lernen müssen, wie man mit weniger auskommt. Die, die jetzt verstehen, dass Fortschritt nicht bedeutet, dass man nie wieder hungern muss – sondern nur, dass man lernen muss, hungrig zu bleiben.
Und die Fabriken? Die Fabriken stehen still. Nicht wegen Streiks. Nicht wegen Kapitalismus. Sondern weil die Menschen nicht mehr können. Weil der Krieg irgendwo anders die Gasflaschen leerer macht als die Mägen der Arbeiter. Weil die Politik redet, während die Frauen in den Slums die Pfannen gegen die Wand werfen wie Gebete an eine taube Gottheit.
Die Römer bauten ihre Aquädukte. Wir? Wir bauen unsere Krisen. Und während die Männer in den Uniformen irgendwo in der Wüste sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, ersticken hier die Kinder an dem, was sie nicht haben: Luft zum Atmen. Und Gas zum Kochen.
Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie riecht nach verbranntem Öl und verzweifelter Seide. Und während die Fabriken stillstehen, fragt sich Surat, ob der nächste Krieg nicht der gegen den Hunger sein wird. Nicht mit Gewehren. Sondern mit leeren Flaschen.