TEHERAN HÄNGT JUNGE MÄNNER AUF – WIE IM 19. JAHRHUNDERT
Der Regen klopft gegen die Scheiben der Redaktion, als hätte jemand mit nassen Fingern über die Glasplatten getippt. Draußen, zwischen den Ruinen der alten Stadt, singt eine Frau in einem Café am Boulevard – ihre Stimme ist so alt wie die Straßen, die hier seit Jahrhunderten Blut und Tränen schlucken. Ich tippe mit der Schreibmaschine, während die Tinte langsam über das Papier kriecht, als wolle sie sich weigern, die Wahrheit festzuhalten. Aber die Wahrheit ist hart. Sie lässt sich nicht schönreden.
Amirhossein Hatami. Achtzehn Jahre alt. Ein Geständnis, das man ihm mit Peitschenhieben und leeren Versprechungen abgenötigt hat. Die Justiz nennt es „Aufklärung“. Die Nachbarn nennen es „Mörder“. Die Welt schaut zu. Wie immer. Wie bei den Römern, die Christen an die Löwen verfütterten, weil sie nicht wollten, dass die Menge ihre eigenen Fäuste heben muss. Wie bei den Nazis, die Juden in die Gaskammern trieben, während die Nachbarn die Vorhänge zuzogen. Wie bei uns allen, die wegschauen, solange es nicht vor unserer Haustür passiert.
Die offizielle Version: Hatami und seine Kumpane haben eine Militärkaserne angezündet, Waffen geklaut, „Angst und Schrecken“ gestreut. Die Wahrheit, so sie überhaupt je existiert hat, liegt irgendwo zwischen den Zellen des Evin-Gefängnisses, wo Folterer mit Messern und Stromstößen arbeiten wie Handwerker, die eine Wand verputzen müssen. Amnesty International sagt, es waren „grob unfairen Prozesse“. Das ist eine Untertreibung. Das ist wie zu sagen, ein Brand sei nur ein „leichtes Glimmen“. Die Iraner nennen es „Darbari“. Das ist Farsi für „Justiz“. Ein Wort, das seit Jahrhunderten für etwas steht, das es nicht gibt.
Drei Monate. 160 Hinrichtungen. Das ist kein Statistikspielchen. Das ist eine Schlachterei. Die Justiz hat angekündigt: „Ohne Gnade. Ohne Nachsicht.“ Als ob Gnade ein Luxus wäre, den sich ein Regime leisten könnte, das auf dem Blut seiner eigenen Kinder regiert. Die USA reden von „nuklearen Ambitionen“, während Teheran junge Männer wie Vieh durchs Fleischertor jagt. Die Internationale Atomenergiebehörde findet keine Beweise. Aber Beweise braucht man nicht, wenn man schon weiß, dass die Welt einen anschreien wird – solange es nicht um die eigenen Kinder geht.
Die Proteste. Sie begannen als Wirtschaftskrise. Dann wurden sie zu einem Aufstand. Dann zu einem Krieg gegen das eigene Volk. Tausende tot. Zehntausende verhaftet. Und jetzt? Jetzt werden die Überlebenden gehängt, weil sie zu laut waren. Weil sie nicht stillstanden, als die Mullahs ihnen die Kehle durchschnitten. Ein Ringer. Ein Dieb. Ein Junge, der zu viel wusste. Was bleibt, ist das Geräusch der Falltüren, das Echo der Schreie, die niemand hören will.
Ich habe gestern mit einem Mann gesprochen, der vor drei Wochen noch in einem Café saß und jetzt in einem anderen sitzt, weil er Angst hat. „Sie fragen nicht mehr, ob man schuldig ist“, sagte er. „Sie fragen nur, ob man noch atmet.“ Dann trank er seinen Tee und lächelte. Als wäre das alles nur ein schlechter Witz.
Die Scheiben tropfen. Die Frau unten singt von Liebe und Verrat. Ich tippe weiter. Die Geschichte wiederholt sich. Immer.