TEHERANS SCHWARZER FRÜHLING
Die Guillotine schneidet nicht nur durch Fleisch, sie schneidet auch durch die letzte Illusion von Gerechtigkeit. In Teheran, wo der Regen auf die Schieferdächer tropft wie Tränen über vergessene Kinder, wird ein 18-jähriger Junge namens Amirhossein Hatami gehängt – für einen Brand, den er vielleicht nicht gelegt hat, für ein Geständnis, das er vielleicht nicht freiwillig gab. Die Justiz nennt es „Recht“, die Opposition flüstert „Mord“. Und irgendwo zwischen den beiden steht ein Land, das sich selbst zum Gefängnis erklärt hat.
Die Zahlen sind eine Beleidigung für jeden, der noch an Zahlen glaubt. 160 Hinrichtungen in drei Monaten. 160 Namen, die auf einmal verschwinden wie Rauch in der Luft über den Bazar. Die Justiz hat die Todesstrafe zum Alltagsgeschäft erklärt – nicht nur für Spione, nicht nur für Mörder, sondern für „Randalierer“, die angeblich „Angst und Schrecken“ verbreiten wollten. Als ob ein Jugendlicher, der eine Militäranlage anzünden dachte, mehr Schrecken verbreitet als die Männer in den Uniformen, die mit Knüppeln durch die Straßen fegen. Die Römer hingen auch einmal Christen an die Säulen. Die Unterschiede sind nur die Details.
Hatami war jung. Zu jung, um zu wissen, dass sein Geständnis unter Folter gepresst wurde. Zu jung, um zu begreifen, dass sein Prozess ein Scherzen war – ein Theaterstück, bei dem die Rolle des Richters schon vor dem ersten Akt feststand. Amnesty International spricht von „erzwungenen Geständnissen“, und das ist kein leerer Satz. Das ist die Sprache derer, die wissen, wie man Folter riecht: nach verbranntem Fleisch, nach Schweiß und Angst, nach dem metallischen Geschmack von Eisen in der Kehle. Die iranische Justiz lacht über solche Vorwürfe. Sie nennt es „Sicherheit“. Die USA nennen es „Krieg“. Aber wer zählt die Toten, wenn die Zahlen ohnehin nur noch Ziffern sind?
Und dann ist da noch die Lüge über die Atombombe. Die Amerikaner behaupten, Iran baue heimlich eine Waffe – obwohl die IAEA seit März nichts gefunden hat. Ein klassischer Krieg der Worte, in dem beide Seiten lügen, aber nur eine Seite die Leichen zählt. Die iranische Führung braucht den Feind, um ihre eigene Schwäche zu kaschieren. Die Proteste waren kein Sturm, der sich verraucht – sie waren ein Erdbeben, das das ganze System erschüttert hat. Und jetzt, wo die Erde wieder stillsteht, wird mit der Todesstrafe nachgeschärft. Nicht nur für die, die schossen, sondern für die, die dachten. Für die, die weinten. Für die, die einfach nur leiden wollten, ohne zu sterben.
Die Straßen von Teheran sind leer. Nicht aus Respekt, sondern aus Angst. Die Menschen gehen nicht mehr auf die Plätze, nicht mehr in die Moscheen, nicht mehr in die Cafés, wo früher die Frauen rauchten und die Männer über die Welt spotteten. Jetzt flüstern sie. Jetzt beten sie. Jetzt warten sie. Auf den nächsten Befehl. Auf das nächste Urteil. Auf das nächste Messer.
Und irgendwo in dieser Stadt, wo der Regen gegen die Fenster klopft wie ein Herzschlag, sitzt ein Mann hinter einer Schreibmaschine und tippt. Er weiß, dass die Worte nicht reichen werden. Aber er tippt trotzdem. Weil jemand es tun muss. Weil die Wahrheit, wenn sie auch nur ein Funke ist, besser ist als die Lüge, die das ganze Land erstickt.
Die Guillotine arbeitet weiter. Und irgendwann wird auch der letzte Widerstand verstummen. Nicht durch Gewalt – sondern durch Müdigkeit.