TEHERAN WARNT VOR KÜNFTIGEM STURM
Die Römer haben einst die Alpen überquert, weil Rom es befohlen hat. Die Deutschen haben 1914 die Neutralität Belgiens zertreten. Und jetzt, im Jahr des Herrn 1937 – oder vielleicht schon 1938, wer zählt noch? – sitzt ein Mann namens Morteza Simiari in Teheran vor einer Schreibmaschine, die nach altem Öl und Verzweiflung schmeckt, und tippt Sätze, die wie ein Warnschuss klingen. Die USA, so sagt er, sollen sich nicht irren. Sonst wird der Persische Golf zum Schlachtfeld.
Die Quelle? Unbestätigt. Die Stimme? Staatsfernsehen. Die Drohung? Klar wie der Rauch über den Dächern von Isfahan, wo heute Morgen wieder kontrollierte Explosionen die Erde beben lassen – „nur“ weil irgendwo „amerikanische Zionisten“ ihre Munition liegen gelassen haben. Als ob das ein Trost wäre. Als ob man in Bahrain oder Abu Dhabi nicht schon wüsste, dass die nächste Runde kommen wird.
Simiari spricht von „Küsten“. Nicht von Inseln, nicht von Grenzstädten – von Küsten. Das sind keine leeren Worte. Das sind die Lebensadern der Handelsrouten, die Ölfelder, die Häfen, wo die Tanker aus Saudi-Arabien ein- und auslaufen wie die Gezeiten. Wer diese Küsten kontrolliert, kontrolliert den Atem des Nahen Ostens. Und Teheran, das hat man längst gemerkt, atmet schneller als alle anderen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben heute Morgen die Luftabwehr in Alarmbereitschaft versetzt. „Hörbare Geräusche“ – ja, genau diese Art von Euphemismus, die immer dann kommt, wenn die Raketen schon im Anflug sind. Die Ministerien in Abu Dhabi und Manama wissen es besser als ihre Pressestellen. Sie wissen, dass Simiaris Worte keine leeren Drohungen sind. Sie wissen, dass Teheran seit Jahren die Spielregeln ändert, während die Diplomaten noch über „deeskalierende Maßnahmen“ verhandeln. Die Römer haben ihre Legionen nicht mit Reden bewegt. Die Deutschen haben den Westen nicht mit Briefen überzeugt.
Und jetzt? Jetzt sitzt irgendwo ein Analyst in Teheran und schreibt auf, was ohnehin jeder ahnt: Die USA sind der Schwachpunkt. Nicht weil sie schwach sind – sondern weil sie unsicher wirken. Weil sie zögern. Weil sie in jedem regionalen Konflikt nach dem „richtigen“ Knopf suchen, während die anderen schon längst den ersten Druckknopf gedrückt haben. Simiari sagt: „Ein Fehler.“ Ein einziger. Und dann? Dann wird der Persische Golf zum Pulverfass. Dann werden die Küsten von Bahrain und den Emiraten nicht mehr nur von Handelsschiffen, sondern von iranischen Patrouillenboote umrundet. Dann wird die Geschichte dieser Region nicht mehr in Büchern geschrieben, sondern in Blut und Rost.
Die Frage ist nicht, ob es dazu kommt. Die Frage ist nur noch: Wann. Und ob die Welt es rechtzeitig bemerkt – oder erst, wenn die ersten Ölplattformen in Flammen stehen und die Tanker wie leere Schiffsgräber im Wasser treiben.
Manche sagen, die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie rhythmisiert. Und dieser Rhythmus wird heute Nacht in Teheran getaktet. Die Schreibmaschine klackert weiter. Irgendwo in Abu Dhabi singt eine Frau im Café, während draußen die Raketen aufsteigen. Und irgendwo in Washington wird noch immer diskutiert.
Die Küsten warten.