DIE WOHNUNG DIE NICHT DA IST
Der Regen klopft gegen die Scheiben wie ein betrunkener Postbote, der zu spät kommt. Draußen, zwischen den nassen Straßenlaternen und den dampfenden Abflüssen, brennt irgendwo ein Mietshaus. Nicht das große Feuer, das die Zeitungen in Aufruhr bringt, sondern das stille, die ganze Nacht wütende, das niemand melden will. Weil es kein Feuer ist, das man sieht. Sondern das, was fehlt.
Man nennt es „unsichtbare Wohnung“. Ein Wort, das schmeckt wie billiger Whisky und ein Versprechen, das niemand einlöst. Die Leute stehen Schlange vor den Maklern, kaufen auf Kredit, unterschreiben Papiere mit Namen, die sie nicht lesen können, und ziehen in Räume, die größer wirken als sie sind. Wie die Römer, die ihre Thermen bauten und dann feststellten, dass die Wände nach innen neigen. Oder wie die Leute in der Depression, die sich ein Haus kauften, das nur aus Papier bestand. Nur dass heute das Papier glänzt wie ein neuer Anzug und nach Parfüm riecht.
Die Wahrheit? Die meisten von uns leben nicht in einer Wohnung. Wir leben in einer Illusion von Wohnung. Ein Zimmer, das sich ausdehnt, wenn man die Möbel schräg stellt. Ein Flur, der plötzlich ein Esszimmer wird, wenn man die Tür aufmacht und die Nachbarn nicht nachfragen. Eine Küche, die groß genug ist für drei, aber nur für eins, wenn man bedenkt, dass das „Drittel“ ein Stuhl ist, auf dem man sein Frühstück isst. Die Architektur der Not. Die Geometrie der Verzweiflung.
Und die Makler? Die sind die neuen Priester. Sie verkaufen nicht Quadratmeter. Sie verkaufen Träume. „Hier gibt es Platz für Ihre Familie!“, sagen sie. „Hier können Sie entspannen!“ Als ob Entspannung etwas wäre, das man in einem Raum findet, der zu klein für die Seele ist. Die Römer hatten ihre Pantheone. Wir haben unsere IKEA-Regale, die wie ein Labyrinth aus Schuld aussehen.
Die Leute fragen nicht, warum die Mieten steigen, wenn die Wohnungen kleiner werden. Sie fragen nicht, warum „Zimmer mit Balkon“ plötzlich „Balkon mit Zimmer“ bedeutet. Sie kaufen. Weil sie müssen. Weil sie Angst haben. Weil sie denken, dass mehr Quadratmeter mehr Leben sind. Aber mehr Quadratmeter sind nur mehr Wände, die einen von dem trennen, was wirklich zählt.
Und die Regierung? Die schaut zu. Wie immer. Als ob Wohnen etwas wäre, das man regeln kann wie die Preise an der Börse. Als ob man die Not der Menschen in eine Formel pressen könnte. Die Römer bauten Aquädukte, um Wasser zu bringen. Wir bauen Betonwüsten, in denen das Wasser nur noch in Tropfen kommt.
Manchmal, wenn der Regen nachlässt, gehe ich in die Bar unten und bestelle einen Bourbon. Der Barkeeper fragt, ob ich heute schon eine Wohnung gesehen habe. Ich lache. Weil ich weiß, dass er nicht von den vier Wänden spricht. Er meint das, was dahintersteht. Das, was fehlt. Das, was man nie füllen kann.
Die unsichtbare Wohnung ist kein Fehler. Sie ist ein System. Ein perfekt ölig geschmiertes, das uns alle betrügt – aber nur so lange, bis wir aufstehen und fragen: Wo ist der Rest?