DIE RÜSTUNGSWÄCHTER UND DIE SCHWARZE HAND DER JUSTIZ
Der Rüstungswächter ist ein neuer Held in dieser Republik. Oder ein neuer Schattenspieler? Die Justiz hat ihm die Tür geöffnet, aber die Tür ist klemmend – und hinter ihr riecht es nach Öl, Schmiergeld und dem faulen Atem alter Gesetze. Seit die Nazis vor zwei Jahren die Macht übernahmen, hat sich die Justiz in ein Labyrinth verwandelt, in dem die Akteure nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden, sondern nur noch zwischen nützlich und überflüssig. Und jetzt? Jetzt gibt es die Rüstungswächter. Eine Art Schergen der Wirtschaft, die im Namen des Volkes die Fabriken bewachen sollen – doch wer bewacht die Bewacher?
Die ersten Fälle sind wie ein schlechter Roman aus den 20er Jahren: zu viel Drama, zu wenig Logik. Da ist zum Beispiel der Fall Krupp. Die Familie, die schon die Römer mit ihren Katapulten versorgte, die die Hanse mit Eisen bewaffnete, die im letzten Krieg die Artillerie dominierte – jetzt also ein Rüstungswächter namens Dr. Hermann Krupp (ja, der Enkel, der sich wie ein Kaiser gebärdet) soll die Produktion von Panzerketten überwachen. Doch die Ketten? Die Ketten kommen von Daimler-Benz, und die haben plötzlich zu viele Lieferverzögerungen. Zu viele, um Zufall zu sein. Zu viele, um nicht mit den geheimen Absprachen der Rüstungswächter zu tun zu haben. Die Frage ist nicht, ob es Schmiergelder gibt – die gibt es immer, seit es Menschen gibt, die etwas zu verkaufen haben und andere, die es kaufen wollen. Die Frage ist: Wer wird angeklagt? Wer wird zum Sündenbock gemacht, während die wahren Drahtzieher in ihren dunklen Anzügen lässig in den Aufzügen der Reichsbank verschwinden?
Dann ist da noch der Fall Bayerische Metallwerke. Ein Rüstungswächter namens Major von X (Name nicht offiziell bestätigt, aber alle wissen, dass die SS in solchen Dingen gerne ihre Fingerabdrücke hinterlässt) soll die Produktion von Flugmotoren kontrollieren. Doch die Motoren? Die Motoren brennen. Nicht im Feuer der Bombenangriffe – nein, im eigenen Werk. Sabotage? Oder nur ein schlechtes System, das auf Wachsoldaten und Denunzianten setzt, statt auf Ingenieure? Die Arbeiter flüstern von unbekannten Besuchern in Zivil, die nachts die Schalttafeln umlegen. Die Justiz? Die Justiz schickt einen Beamten vor, der fragt: „Wer hat’s gemacht?“ – und dann verschwindet der Beamte wieder, als hätte er nie etwas gehört.
Und dann – der Knaller – der Fall Schwarze Liste. Die Rüstungswächter haben eine Liste. Eine Liste mit Namen. Namen von Lieferanten, die nicht mehr beliefert werden dürfen. Namen von Firmen, die zu teuer sind oder zu langsam liefern. Namen von Männern, die zu laut über Löhne reden. Die Liste ist schwarz, weil sie im Dunkeln geschrieben wurde. Weil sie nicht für die Akten bestimmt ist, sondern für die persönliche Akte eines gewissen Oberst R. (der Name ist nur ein Deckname, aber alle kennen ihn). Die Frage ist: Wer hat die Liste? Wer entscheidet, wer darauf landet? Und vor allem: Wer profitiert davon? Die Antwort liegt nicht in den Akten – sie liegt in den Hinterzimmern der Ministerien, wo die Rüstungswächter mit den Beamten der Vierjahresplanbehörde Kaffee trinken und über wirtschaftliche Notwendigkeiten reden, während draußen die Fabriken qualmen und die Arbeiter hungern.
Die Justiz? Die Justiz ist ein Zirkus. Ein Zirkus mit Messern. Die Rüstungswächter sind die Clowns, die das Publikum mit ihren Nummern unterhalten – doch hinter der Bühne wird gespielt. Spiel mit den Gesetzen, Spiel mit den Beweisen, Spiel mit den Menschen. Der letzte große Zirkus war der Prozess gegen die KPD. Die Kommunisten wurden wie Hunde an den Pranger gestellt, während die wahren Drahtzieher der Wirtschaftskrise in ihren Villen in Grunewald lachten. Heute wird die Show mit Rüstungswächtern aufgeführt. Die Frage ist nicht, wer schuldig ist – die Frage ist: Wer wird zum Sündenbock gemacht, damit die anderen ungestraft weitermachen können?
Die Rauchwolken über den Fabriken sind dicker geworden. Die Luft riecht nach Schweiß, nach Öl und nach etwas, das nach Verrat schmeckt. Die Rüstungswächter sind keine Wächter. Sie sind die neuen Herren der Schrauben und der Schraubzwingen. Sie sind die Männer, die entscheiden, wer lebt und wer stirbt – nicht mit der Pistole, sondern mit dem Stempel auf dem Lieferpapier. Und die Justiz? Die Justiz ist ein leerer Raum. Ein Raum mit einer Tür, die immer zugeht.
Die letzte Frage bleibt: Wenn die Rüstungswächter die Fabriken bewachen, wer bewacht die Rüstungswächter?
Und jetzt trinke ich meinen Bourbon. Er schmeckt nach Eisen und nach dem Ende aller Illusionen.