DIE FILMKRITIK DER SICH ZUM VERBRECHEN MACHT
Der Regen hat die Straßen von Berlin in glänzende Pfützen verwandelt, und irgendwo in dieser nassen Hölle hat die Polizei gerade einen Mann verhaftet, weil er Gute Zeiten, schlechte Zeiten rezensiert hat. Ja, Sie lesen richtig. Nicht wegen Bomben, nicht wegen Schießereien, sondern wegen einer kritischen Filmbesprechung. Und das, meine Damen und Herren, ist kein schlechter Witz – es ist der Beweis, dass wir längst in einem Land leben, in dem selbst die Kunst zum Verbrechen wird, wenn sie nicht passt.
Es begann mit einer Routine. Oder zumindest das, was heute noch Routine heißt. Ein gewisser Herr Klaus Voss, Filmkritiker beim Berliner Abendblatt, schrieb eine Besprechung über den neuen Propagandafilm der UFA. Nicht besonders schmeichelhaft. Nicht besonders freundlich. Aber auch nicht besonders gefährlich – oder so dachte man. Doch dann kam der Anruf. Die Gestapo stand vor seiner Tür, mit einem Lächeln, das aussah, als hätte es schon zu viele Kaffee getrunken. Die Vorwürfe? Terroristische Umtriebe. Ja, Sie haben richtig gehört. Ein Mann wurde wegen einer Filmkritik verdächtigt, ein „Systemfeind“ zu sein, weil er den Tonfall eines Films als „verlogen“ bezeichnete.
Und hier liegt das Problem. Nicht, dass Voss etwas Verbotenes tat. Sondern dass die Behörden jetzt jeden als Terroristen brandmarken, der nur noch klar denkt. Die Parallelen zur Weimarer Zeit sind nicht schwer zu ziehen – nur dass damals die SA die Bücher verbrannte und heute die Gestapo die Kritiker. Die Frage ist nicht, ob Voss etwas falsch gemacht hat. Die Frage ist: Wann wird aus einer Meinungsäußerung ein Verbrechen?
Die Beamten argumentieren mit dem neuen „Terrorismusgesetz“, das seit letztem Jahr gilt. Ein Gesetz, das so vage ist wie ein Nebel über dem Spreeufer, und das jeden zum Feind erklärt, der nur noch „subversive“ Gedanken äußert. Ein Kritiker, der einen Film als „propagandistisch“ bezeichnet, wird zum „Störfaktor“. Ein Schriftsteller, der fragt, warum die Rationierung nicht gerecht verteilt wird, zum „Staatsfeind“. Und plötzlich ist jeder, der noch den Mund aufmacht, ein potentieller Attentäter.
Dabei ist das kein Einzelfall. Letzte Woche wurde ein Theaterkritiker verhaftet, weil er die Inszenierung eines Stücks als „unpatriotisch“ bezeichnete. Vor einem Monat ein Journalist, weil er die Arbeitsbedingungen in den Rüstungsfabriken hinterfragte. Die Liste wird länger, und die Grenzen verschwimmen. Irgendwann fragt man sich: Wann ist Kritik noch Kritik – und wann ist sie schon Hochverrat?
Die Gestapo spricht von „radikalen Elementen“, die das „deutsche Volk verunsichern“. Doch wer verunsichert hier wen? Ein Mann, der einen Film kritisiert, oder eine Regierung, die jeden zum Feind erklärt, der nicht laut jubelt? Die Römer verbrannten Bücher. Wir verhaften Kritiker. Und irgendwo in diesem Chaos fragt man sich: Wann wird aus einer Demokratie eine Diktatur – und wann merkt man es erst, wenn es zu spät ist?
Klaus Voss sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Die Anklage: „Beleidigung des Staates durch künstlerische Äußerung“. Ein Witz. Ein trauriger, nasser Witz. Doch während draußen der Regen auf die Straßen trommelt und irgendwo ein Jazzclub spielt, in dem Evelyn mit ihrer Stimme die Mauern zum Wackeln bringt, sitzt ein Mann hinter Gittern – weil er den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen.
Und das ist das eigentliche Verbrechen. Nicht das, was er geschrieben hat. Sondern dass wir es zulassen.