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Die unsichtbaren Fäden zwischen Tel Aviv und Washington

11. Juni 2026 — — — Kastner

Man muss den Männern, die lächeln, in die Augen schauen. Das hat man uns in Genf beigebracht, damals, als die Verträge noch auf echtem Papier standen und die Tinte noch nicht trocknete, bevor sie unterschrieben wurden. Heute lächelt Benjamin Netanjahu weiter, Donald Trump ebenfalls, und zwischen ihnen — sechs Worte, in einem heißen Telefonat gesprochen, die alles sagen: "Fucking crazy."

Zwei Männer, die im Februar 2026 gemeinsam den Krieg gegen Iran eröffnet haben. Zwei Männer, deren Namen in Washington und Jerusalem in einem Atemzug fallen, als wären sie ein einziges atmendes Wesen. Am 10. Juni verkündet die Likud-Partei in dürren Worten, Netanjahu werde bei der Wahl im Oktober antreten, und, so Gott wolle, gewinnen. Eine Stunde zuvor hat Trump vor laufenden Kameras von ABC News gesagt: "Ich weiß es nicht. Er hatte eine großartige Karriere. Will er weitermachen?" Sechsundsechzig Prozent der israelischen Öffentlichkeit, so das Israel Democracy Institute tags zuvor, sagen: Er soll gehen. Sechsundsechzig Prozent. Eine Zahl, die in den Kanzleien von Tel Aviv lauter dröhnt als jede Sirene in Gaza.

Aber bleiben wir bei den Fäden. Denn das, was die Kameras einfangen, ist immer nur das Zucken der Glieder. Wer an ihnen zieht, das sieht man nicht.

Es gibt eine alte Regel in der Diplomatie: Wenn ein Bündnis zerbricht, dann nicht im Streit, sondern in der Stille. Trump hat im Juni nicht laut mit Netanjahu gebrochen — er hat ihn nur, beiläufig, vor laufenden Kameras einen "crazy" genannt. Was er damit sagte, war nicht: Du bist verrückt. Was er damit sagte, war: Ich brauche dich nicht mehr. Noch nicht. Aber bald.

Denn Trump verhandelt mit Teheran. Trump will einen Friedensvertrag mit dem Iran, einen, der sich auf Konferenzfotos gut macht, der Wahlkämpfe in Ohio füttert, der den Ölpreis drückt. Und Netanjahu, dieser Netanjahu, dessen Koalition die rechtsextremste in der Geschichte Israels ist, dessen Name untrennbar mit dem 7. Oktober verbunden bleibt, kann nicht aufhören, im Libanon zu eskalieren. Er braucht den Rauch. Er braucht den Lärm. Er braucht die Kameras, die über Beirut kreisen, damit in Israel niemand fragt, warum er noch immer im Amt ist.

Hier also der erste Knoten, den Sie sich merken sollten: Die Eskalation im Libanon dient nicht der Sicherheit Israels. Sie dient dem Überleben eines Premierministers, der angeklagt ist und dessen Prozess Trump persönlich — öffentlich! — per Gnadenerlass durch den Präsidenten stoppen lassen will. Korruptionsanklagen, die Netanjahu bestreitet. Was die Bühne nicht zeigt: Zwei Männer, die voneinander abhängig sind wie ein Ertrinkender vom anderen, der ebenfalls ertrinkt.

Der zweite Knoten sind die Oppositionsparteien. Hören Sie genau hin, denn hier wird es leise, fast unhörbar. Umfragen zeigen: Eine mögliche Koalition der Opposition verfehlt die parlamentarische Mehrheit. Es sei denn — und hier wird es interessant — sie koaliert mit den arabischen Parteien. Was einige Oppositionelle ausgeschlossen haben. Was andere, hinter vorgehaltener Hand, nicht ausschließen wollen. Die palästinensischen Fraktionen, die in der Berichterstattung verschwinden, als wären sie Statisten in einem Stück, das längst ohne sie gespielt wird — sie sind der Elefant im Raum, den niemand beim Namen nennt. Nicht Hamas, nicht die PLO, nicht diejenigen, die in Ramallah sitzen und warten, dass jemand sie buchstabiert. Die viel beschworene israelische Demokratie kann sich offenbar nicht leisten, mit den Bürgern zu sprechen, die seit Jahrzehnten entrechtet sind. Sechsundsechzig Prozent sagen: Er soll gehen. Aber die Architektur der Macht ist so gebaut, dass er bleiben kann, solange alle anderen sich weigern, miteinander zu reden.

Der dritte Knoten: die regionalen Mächte, von denen niemand spricht, weil sie keine Pressekonferenzen geben. Saudi-Arabien, das in den Schatten der Normalisierung mit Israel getreten ist und nun zusieht, wie die Iran-Verhandlungen Trump in die Karten spielen. Die Türkei, die in Syrien und im östlichen Mittelmeer ihre eigenen Fäden knüpft, leise, fast unhörbar, während alle auf Jerusalem starren. Die privaten Militärfirmen, die in den Schattenzonen des Konflikts operieren — von den Golanhöhen bis zu den Küsten des Roten Meeres — und deren Verträge in keinem Parlamentsprotokoll stehen, weil Parlamentsprotokolle die Sprache der Sichtbarkeit sprechen, nicht die der Verträge.

Was bleibt? Eine seltsame Stille, die sich anfühlt wie die Luft vor einem Gewitter. Trump hat Netanjahu einen "crazy" genannt, aber er hat ihn nicht fallen lassen. Noch nicht. Der Krieg gegen Iran ist ihre gemeinsame Erfindung, und sie werden ihn nicht allein beenden, weil keiner von beiden den Preis zahlen will. Die Eskalation, die wir sehen — Beirut, die Drohnen über dem Jordantal —, ist das Symptom. Die Krankheit ist die Unfähigkeit zweier alternder Männer, loszulassen. Was sie umgibt, sind die Fäden. Und wer an ihnen zieht, das, meine Damen und Herren, schreibt keine Zeitungsartikel.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Auch heute.

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