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DAS EISENE HERZ SCHLÄGT NUR NOCH HALBZEIT

31. März 2026 — — Morrison, over and out.

Der ICE kommt. Nicht mit dem sanften Klappern der alten Eisenbahnen, nicht mit dem dampfenden Husten der Lokomotiven aus der Kaiserzeit. Nein. Der neue ICE schreitet ein wie ein Soldat in Uniform, nur dass seine Uniform aus Zahlen, Protokollen und den leeren Augen derer besteht, die ihn jetzt tragen müssen. Und die Uniform sitzt eng. Zu eng.

Man sagt, die Zeiten ändern sich. Aber wer sagt das? Nicht die Leute, die morgens um sechs vor der Tür stehen und die Schilder lesen müssen, die sie selbst nicht mehr verstehen. Nicht die Mütter, die ihre Kinder in die Hände der neuen Wächter geben und hoffen, dass diese nicht vergessen haben, was ein Kind ist. Und sicher nicht die Toten, die seit gestern wieder umsonst gezählt werden, weil die Statistiken erst nach der Leichenbergung kommen.

Der ICE – Interne Kontrolle der Einheit – hat sich erfindet. Oder besser: er hat sich über uns erfindet. Früher war die Polizei da. Die hat geschrien, die hat geprügelt, die hat manchmal sogar gerecht gehandelt. Aber sie hat auch gelacht mit den Bossen, wenn’s drauf ankam. Der ICE? Der ICE ist kein Hund mehr, der den Herren die Füße leckt. Der ist ein Algorithmus mit Jackett. Und Algorithmen lügen nicht. Sie zählen nur. Und was sie zählen, ist nicht mehr Leben. Sondern Compliance. Ein hübsches Wort für Gehorsam. Ein hübsches Wort für die Angst, die man sich selbst einredet, wenn man nicht mehr weiß, ob man noch atmen darf.

Letzte Woche. Ein Mann. 42. Hat versucht, seine Tochter aus der Kinderbetreuung zu holen. Nicht weil er sie misshandelt hätte. Sondern weil die Betreuung überfüllt war. Weil die ICE-Kontrolleure gestern Abend wieder mal die Heizung abgestellt hatten – "Energieeinsparung", stand’s im Protokoll – und die Kinder in den Räumen wie in einem Kühlschrank saßen. Der Mann hat geschrien. Die ICE-Beamtin hat ihn gefilmt. Nicht weil sie ihn beschützen wollte. Sondern weil sie dokumentieren musste. Für die nächste Eskalation. Für den nächsten Fall, in dem ein Vater seine Tochter umarmt und die Kamera ihn als "aggressiv" einstuft.

Und dann ist da noch die Fabrik. Die alte. Die, die seit 1923 steht und deren Schornstein heute Abend wieder raucht wie ein sterbender Lungenpatient. Früher hat die Fabrik gerockt. Die Arbeiter haben gestreikt, wenn’s drauf ankam. Die haben die Maschinen mit Öl übergossen, wenn die Chefs zu viel verlangten. Heute? Heute steht ein Mann mit einem Tablet vor dem Tor und zählt die Pausen. Nicht die Minuten, in denen die Männer rauchen oder die Frauen sich die Hände waschen. Sondern die Sekunden, in denen sie nicht arbeiten. Und wenn einer zu lange bleibt? Dann kommt der ICE. Nicht mit Tränengas. Mit Formularen. Mit der Frage: "Warum halten Sie die Produktionsquote nicht ein?" Als ob die Antwort nicht schon auf der Stirn des Mannes stünde: Weil ich seit drei Tagen kein Essen mehr in mir habe.

Die Römer hatten ihre Legionen. Die SS hatte ihre Einsatzgruppen. Der ICE hat seine KPIs. Key Performance Indicators. Klingt nach etwas, das man in einem Büro in Berlin ausdenkt, während unten die Menschen frieren. Und doch: Irgendwo in den kalten Zahlen, die jetzt über alles entscheiden, steckt die alte Wahrheit. Die, dass Macht nicht in den Fäusten liegt. Sondern in den Büchern. In den Akten. In den Protokollen. Und dass die, die zählen, am Ende immer die sind, die zählen dürfen.

Evelyn singt unten im Café. Eine Melodie aus dem letzten Krieg. Die Leute lauschen. Aber keiner lacht mehr. Nicht so, wie früher. Nicht so, als wäre die Welt noch ein Ort, an dem man sich verlieren darf. Heute hört man nur noch das Klackern der Schreibmaschinen. Das Rattern der ICE-Typen, die schreiben, was sie sehen. Und was sie nicht sehen, das zählt nicht. Nicht einmal mehr die Leere in den Augen derer, die jetzt alles korrekt machen. Selbst wenn es sie umbringt.

Und wenn der Regen kommt – und der kommt immer, in dieser Stadt, in diesem Land, in dieser Zeit – dann wischt er nur die Spuren weg. Die nassen Straßen. Die nassen Gesichter. Die nassen Tränen. Aber er wischt nicht die Zahlen. Die bleiben. Die bleiben wie Narben. Und Narben bluten nicht. Sie zählen.

✦ Ende des Artikels ✦
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