Arbeitsmarkt im Korsett der Abschottung
Sie nennen es „Wende“. Die Zahlen tanzen. Die Löhne steigen – aber nur, weil die Türen hinter den Menschen zugeklappt wurden. Nicht weil die Wirtschaft plötzlich gesund ist. Sondern weil sie krank bleibt und sich mit Verbänden zusammenbindet.
Lena, 32, hat seit drei Monaten wieder einen Job. Nicht weil die Fabriken in Detroit plötzlich mehr brauchen. Sondern weil die letzte Charge an Schweißerinnen aus Mexiko nicht mehr durchkam. Die Firma hat die Löhne um 12 Prozent erhöht – nicht aus Großzügigkeit, sondern weil sie keine neuen Hände mehr finden konnte. Lena lacht nicht. Sie zählt die Stunden. „Früher haben wir drei Schichten gemacht. Jetzt machen wir zwei. Aber der Chef sagt, es ist eine Aufwertung.“
Die Statistik lügt nicht. Sie lügt nur nicht die ganze Wahrheit. Das Bureau of Labor Statistics meldet Jobzuwächse. 172.000 neue Stellen im Mai. Die drei Monate davor wurden sogar nach oben korrigiert. Die Arbeitslosenquote? 4,3 Prozent. Ein Rekord – aber nur, weil die Arbeitslosenquote nicht mehr die Menschen zählt, die gar nicht mehr gezählt werden dürfen. Die, die im Schatten bleiben. Die, die nicht mehr in den Haushaltserhebungen auftauchen, weil sie keine Papiere mehr haben. Weil sie keine Visum mehr bekommen. Weil die Grenzen sich verschließen wie ein Schrank, in dem man die Kleider derer wegräumt, die nicht mehr reinpassen sollen.
Wolf Street, dieser scharfsinnige Chronist der amerikanischen Wirtschaft, schreibt von einem „tight labor market“. Enger Arbeitsmarkt. Ja. Aber nicht, weil die Wirtschaft boomen würde. Sondern weil sie sich selbst stranguliert. Die Arbeitskräfte sind eine Ration. Die Regierung hat die Zuteilung gekürzt. Also steigen die Preise für die wenigen, die noch drankommen. Die Löhne? Eine Illusion. Sie sind kein Zeichen von Wohlstand. Sie sind ein Notbehelf. Ein Preisschild an einer leeren Regalfläche.
Und dann diese Zahlen zu den prime-age labor force participation rates. 83,9 Prozent. Ein Rekord. Weil die Menschen im Alter zwischen 25 und 54 nicht mehr in die Statistik passen, die nicht mehr arbeiten dürfen. Weil sie keine Papiere haben. Weil sie keine Arbeitserlaubnis. Weil sie in die falsche Kategorie fallen: „Nicht mehr im Arbeitsmarkt“. Die Regierung zählt sie nicht mehr. Also zählt sie auch nicht mehr mit.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Elena Marušić, die mit Migrant:innen in den Südstaaten arbeitet, sagt: „Die Zahlen sind wie ein Spiegel, der nur die Hälfte des Gesichts zeigt. Die andere Hälfte? Die wird weggewischt.“ Sie zeigt auf die leeren Bänke in den Fabriken. Auf die Supermärkte, in denen die Regale von allein nicht mehr gefüllt werden. Auf die Krankenhäuser, in denen die Pflegekräfte fehlen. „Die Löhne steigen“, sagt sie, „weil die Politik beschlossen hat, dass weniger Menschen arbeiten dürfen. Nicht weil die Wirtschaft stärker ist. Sondern weil sie schwächer wird – und sich mit Verboten stützt.“
Und dann ist da noch die Frage: Wann hört man auf, das zu nennen, was es ist? Ein künstlicher Engpass. Eine selbst auferlegte Krise. Ein Wirtschaftssystem, das sich mit den eigenen Händen die Fesseln anlegt – und dann die Statistiker bittet, die Ketten zu schönen.