Die Maschine, die Ziele wählt: Gaza, Hisbollah, Iran – und niemand fragt
Evelyn singt unten im Café. Irgendwas von verloren und gefunden. Bourbon brennt in der Kaffeetasse. Vor mir liegt das Briefing – siebzehn Seiten, dünn wie Konfetti, dick wie eine Lüge. Vierhundert Tage Krieg. Eine Zahl, die aussieht wie eine Telefonnummer und sich anfühlt wie ein Grab.
Der Rauch aus Gaza ist bis hierher nicht gekommen, aber sein Geschmack schon. Am 7. Oktober 2023 schickte die Hamas Raketen über die Grenze, zielte auf den Süden Israels, tötete Menschen in Kibbuzim, auf einem Musikfestival, in Wohnzimmern. Israel erklärte den Krieg. Die Welt nickte. Die Bomben fielen. Aus Reaktion wurde Routine. Aus Routine wurde Industrie.
Israel spricht von Selbstverteidigung. Das ist das Wort, das in Washington gut ankommt, gut bezahlt wird, gut verkauft. Selbstverteidigung – ein sauberer Begriff für eine schmutzige Gleichung. Auf der einen Seite Raketen, Geiseln, ein Trauma, das jeder Israeli mit der Muttermilch aufgesogen hat. Auf der anderen Seite: eine Enklave, zwei Millionen Menschen dicht gedrängt, ohne Fluchtweg, und eine Luftwaffe, die Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Flüchtlingslager trifft – und das Präzision nennt. Die UNO zählt Tote. Israel zählt Treffer. Beide haben Zahlen, die sich widersprechen wie Anwälte vor Gericht. Wer hat recht? Fragen Sie die Toten. Sie schweigen.
Widersprüche? Davon lebt dieser Konflikt wie ein Parasit vom Wirt. Israel sagt: Wir warnen, wir zielen, wir treffen. Die Weltorganisation sagt: Achtzig Prozent der Toten sind Zivilisten, darunter tausende Kinder. Israel sagt: Hamas nutzt Menschen als Schutzschilde. Die Hamas sagt: Israel nutzt Bomben als Argument. Beide haben Recht. Beide haben Unrecht. Beide nutzen Leichen für ihre Erzählung, und der Leser, der Zuschauer, der Passant auf irgendeiner breiten Avenue – er soll wählen, wessen Leichnam ihn mehr berührt.
Dann die Kette. Sie beginnt in Gaza und endet nicht in Gaza. Hisbollah im Libanon, finanziert, bewaffnet, ausgebildet von Iran, eröffnet eine zweite Front. Raketen über die Grenze, Vergeltungsschläge zurück, Artillerie, Drohnen, Heckenschützen. Israel antwortet mit Luftschlägen auf iranisch ausgerichtete Ziele in Syrien und im Libanon. Jeder Schlag erzeugt einen Gegenschlag. Jeder Gegenschlag eine Eskalation. Es ist, als würde jemand Petroleum auf ein Feuer gießen und dann die Feuerwehr rufen, damit die Feuerwehr das Petroleum löscht.
Iran spielt den Doktor, der die Wunde offen hält. Die Islamische Republik liefert Geld, Wissen, Munition, und spricht von Widerstand gegen die Besatzung. Israel beschuldigt Iran, die Hamas bewaffnet zu haben. Wer hat welche Rakete gebaut, welche Drohne programmiert, welche Sprengschnur gezündet? Die Quellen widersprechen sich. Agenturmeldungen aus dem Libanon tragen den Geruch von Hisbollah-Büros. Berichte aus Damaskus kommen von Oppositionellen, die selbst Ziele haben. Quellenunabhängigkeit: dreiundachtzig Prozent, sagen die Papiere. Das heißt, siebzehn Prozent sind genau die, die zählen.
Dann Amerika. Washington ruft das Recht auf Selbstverteidigung an, liefert Bomben, liefert Flugzeuge, liefert Patriot-Raketen, liefert Geheimdienst – und kritisiert gleichzeitig die humanitäre Lage. Die Menschenrechtsberichte der eigenen Behörden landen im Papierkorb des Außenministeriums. Der Kongress diskutiert den Vierzehnten Zusatzartikel, diskutiert Trumps juristische Verwicklungen, diskutiert alles, nur nicht die Waffen, die mit amerikanischen Steuergeldern in die Levante fliegen. Doppelstandard ist ein hartes Wort. Es ist das richtige.
Und mittendrin, still und unsichtbar, summt die Maschine. Künstliche Intelligenz. Zielauswahl. Die Ethik-Debatte ist in vollem Gange, und gleichzeitig läuft das System. The Lavender, The Gospel, wie auch immer sie heißen – Software, die anhand von Metadaten entscheidet, welches Haus, welche Wohnung, welches Stockwerk ins Fadenkreuz rückt. Eine Maschine, die zählt, wie viele Männer im Gebäude sind, die wie ein potenzieller Kämpfer aussehen, und dann das Gebäude markiert. Der Mensch drückt den Knopf. Die Maschine hat entschieden. Wo bleibt da der Vorbehalt, die Verhältnismäßigkeit, die Distinktion, von der Genfer Konvention? In der Datenbank. Im Code. Im Schweigen der Generäle, die sich vor Kameras winden, während die Algorithmen ihre Schlachtfelder zeichnen.
Wer kontrolliert die Maschine, die Ziele wählt? Niemand. Wer haftet, wenn die Maschine danebenliegt? Niemand. Wer redet darüber? Quasi niemand. Die Schlagzeilen handeln von Geiseln und Bodenoffensiven, von Waffenstillständen, die keiner einhält. Die Maschine arbeitet im Hintergrund. Sie hat keine Stimme. Sie hat keine Ethik. Sie hat ein Ziel.
Die Opfer? Gaza zählt. Tag für Tag. Vertriebene, die in Zelten leben, in Krankenhausfluren, auf Straßen, die keinen Namen mehr haben. Jede Zahl ist ein Mensch, den jemand vermisst, und jede Zahl verschwindet in der nächsten Schlagzeile. Kollektive Bestrafung nennt man das, wenn man Anwalt ist. Man nennt es auch Notwendigkeit. Man nennt es Sicherheit. Man nennt es, wie man will. Die Toten bleiben tot.
Die regionalen Mächte spielen ihr Stück. Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate – sie verurteilen, sie unterstützen, sie vermitteln, sie liefern, je nach Tagesform und Tagespreis. Geopolitik ist ein Basar. Die Ware ist Blut. Die Währung ist Schweigen.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Der Bourbon ist aus. Die Schreibmaschine klappert. Siebzehn Seiten, eine Welt, die brennt, und am Ende steht nur eine Frage, die niemand beantworten will: