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DER SCHMELZENDE FELS UND DIE SCHMELZENDE KASSE

12. Juni 2026 — — — Prof. Kessler

Die Pfeife ist kalt. Gut so. Der Bericht, der vor mir liegt, ist es nicht.

Der Schweizer Alpen-Club hat ein Problem, das in den Annalen der Institutionenforschung einen eigenen Eintrag verdient: das ewige Eis schmilzt, und mit ihm das Fundament, auf dem die Hütten stehen. Eine schöne Ironie der Geologie. Jahrhundertelang baute der Mensch auf das, was nie weichen würde, und nun weicht es.

Permafrost, diese romantische Vokabel für gefrorenen Schutt, verliert seine Tragfähigkeit, wenn die Temperaturen steigen. Der Boden bewegt sich. Die Mauern folgen. Schief stehen sie dann da, diese stolzen Bauten aus Holz und Stein, die einst Bündner Steinböcke und Basler Wüstenrotten gleichermassen beherbergten. Der SAC spricht von Schäden, die in Millionenhöhe gehen. Reparatur, Neubau, Sicherung — alles kostet.

Nun also die Kasse. Und hier beginnt das, was mich an Institutionen am meisten interessiert: nicht die Katastrophe selbst, sondern wie sie verwaltet wird.

Es gibt einen nationalen Solidaritätsfonds. Ein schöner Begriff. Die lokalen Sektionen greifen zu, wenn das Unglück zuschlägt. Doch der Fonds schmilzt — schneller als der Permafrost, behauptet der Zentralpräsident Marco Dirren. Zwei bis drei Jahre, sagt er gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS, dann sei der Topf leer. Keine neuen Bauprojekte mehr.

Die Diagnose klingt präzise. Ich notiere: keine Messmethode genannt, keine Vergleichszahlen, keine modellierten Szenarien. Ein Präsident, der warnt. Die Versammlung der 110 Sektionen wird im Juni entscheiden müssen — entscheiden über Zahlen, die niemand öffentlich gemacht hat.

Drei Wege stehen zur Wahl. Der erste: Übernachtungspreise erhöhen. Für Nichtmitglieder von 40 auf über 50 Franken. Eine Steigerung um ein Viertel, in einer Branche, die mit der Konkurrenz privater Unterkünfte kämpft. Im Val de Bagnes etwa, so höre ich, herrschen Tarife, die sich an keine SAC-Ordnung halten. Da schaut der Bergsteiger aufs Portemonnaie und nicht aufs Wappen.

Mehrere Sektionen lehnen ab. Die Genfer Sektion, vertreten durch Marc Renaud, fürchtet den Gästeschwund. Eine nachvollziehbare Sorge — auch wenn Dirren entgegnet, manche Hütten hätten Preise um 15 bis 20 Prozent erhöht, ohne dass die Besucherzahlen sanken. Wie gemessen? Über welchen Zeitraum? In welchen Hütten? Bei fünfzehn Prozent stellen sich solche Fragen schnell. Bei einer Pressekonferenz gar nicht.

Der zweite Weg: höhere Mitgliederbeiträge. Ein kleiner Anteil des Jahresbeitrags soll in den Solidaritätsfonds fliessen. Die Genfer schlagen das vor. Interne Solidarität statt externer Preisdruck. Ein eleganter Gedanke, sofern die Mitglieder mitspielen. Bei einer demokratischen Versammlung darf man skeptisch sein, was elegant bleibt.

Ein dritter Vorschlag wird nur am Rand erwähnt: eine Reservationsgebühr gegen die sogenannten «No-Shows», jene Gäste, die reservieren und nicht erscheinen. Eine Randnotiz im Bericht. Auch das sagt etwas — über Prioritäten, über das, was als Problem gilt und was nicht.

Doch zurück zur eigentlichen Zahl. Schätzungen sprechen davon, dass jede dritte Berghütte in der Schweiz von den Folgen des tauenden Permafrosts betroffen ist. Jede dritte. Eine Zahl, die nach Plausibilität klingt, aber nicht nach Präzision. Welche Stichprobe? Welche Definition von «betroffen»? Wer hat gezählt, und wer hat es bezahlt?

Ich kenne diese Zahlen. Sie tauchen auf, wenn eine Institution handeln muss, aber noch nicht handeln will. Sie tauchen auf, wenn der Präsident warnt und die Sektionen zögern. Sie sind gleichzeitig zu gross, um sie zu ignorieren, und zu weich, um darauf zu bauen.

Was bleibt? Ein Club, der auf einem schmelzenden Fundament steht — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Eine Versammlung, die im Juni entscheiden wird, ohne dass die Datenlage entscheidungsreif ist. Ein Präsident, der Fristen nennt, ohne zu sagen, wie er darauf kommt. Und Sektionen, die ihre Hütten retten wollen, ohne zu wissen, wer am Ende dafür bezahlt.

Die Wissenschaft weiss seit Langem, dass der Permafrost taut. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell — und wer dafür aufkommt, dass das, was darauf gebaut wurde, nicht nachrutscht.

Wird der SAC seine eigene Geologie verstehen lernen, bevor der Fels unter ihm nachgibt?

✦ Ende des Artikels ✦
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