Die nummerierte Ernte
Tiruppur ist ein Distrikt. Eine Geographie auf dem Papier, irgendwo im Süden Indiens, in der Provinz Tamil Nadu, wo der Baumwollballen regiert und die Bewässerung eine Wissenschaft für sich ist. Nun also wird Tiruppur zum Modell. Man wählt es aus, wie man Versuchskaninchen wählt — mit dem Unterschied, dass die Kaninchen diesmal Bauern sind und der Versuchsleiter die Verwaltung heißt.
District Collector Manish Narnaware hat es verkündet, mit der Ruhe des Mannes, der über Akten sitzt statt über Felder. Dünger gibt es fortan nur noch gegen Identität. Eine Farmer Registration Identity, jenes Akronym, das die Behörde liebt, weil es klingt wie Fortschritt und nach nichts kostet. Eine eindeutige Kennnummer, vergleichbar dem Aadhaar, das dem Inder bereits als digitaler Daumenabdruck dient. Wer keinen Strichcode hat, hat keinen Dünger. So einfach ist die moderne Landwirtschaft.
Doch halt. Was bedeutet das wirklich? Es bedeutet, dass die Verwaltung ein Register anlegt. Digital, natürlich, weil Papier zu langsam ist und zu viele Hände sieht. Es bedeutet, dass jeder Bauer, der einen Sack kaufen will, seinen Aadhaar vorlegt, seinen Grundbesitz nachweist und eine Mobilfunknummer vorzeigt, die mit eben diesem Aadhaar verknüpft ist. Er tut dies in den Common Service Centres, jenen privatisierten Schaltern, die für jede Transaktion eine kleine Gebühr nehmen. Oder er geht ins Büro der Landwirtschafts- und Wohlfahrtsbehörde. Er wird einsortiert. Er erhält seine Nummer.
Narnaware sagt: die Zukunft. Alle Subventionen, alle Programme der Zentral- und Landesregierung sollen künftig an diese Nummer gebunden werden. Der Dünger ist erst der Anfang. Wer heute die Registrierung verweigert, verweigert morgen das Saatgut. Übermorgen den Kredit. Irgendwann, so darf man annehmen, die Existenz.
Ich bin Wissenschaftler gewesen. Ich habe gesehen, wie Entdeckungen als Waffen endeten. Wie Theorien als Propaganda dienten. Wie der weiße Kittel zum Kostüm wurde. Die Behörde hat einen neuen Kittel — den digitalen. Er sitzt gut, er wärmt, er sieht nach Fortschritt aus. Doch wer zahlt die Wäsche?
Hier die Fakten, wie sie mir vorliegen. Tiruppur wurde ausgewählt. Ein Distrikt unter vielen, auserkoren zur Pilotregion, was stets bedeutet: hier wird erprobt, was später allen zugemutet wird. Seit Donnerstag müssen die Bauern ihre Nummer vorzeigen, um Dünger zu erwerben. Sie kaufen beim Einzelhändler, beim Großhändler, bei den primären landwirtschaftlichen Genossenschaftsbanken. Wer seine Papiere nicht in Ordnung hat, kauft nichts. Wer nicht registriert ist, existiert nicht. Zumindest nicht im Register.
Die Logik ist bestechend, und das ist das Gefährliche. Man will wissen, wer was bekommt. Man will Subventionen zielgenau auszahlen. Man will den Schwarzmarkt austrocknen, den Zwischenhändler ausschalten, den Bauern direkt erreichen. Alles vernünftig. Alles in einer Pressemitteilung der Distriktverwaltung hübsch verpackt.
Was nicht in der Mitteilung steht: Was geschieht mit dem Bauern, der keinen Aadhaar besitzt? Was mit dem Pächter, der kein Land sein Eigen nennt und deshalb keinen Grundbesitz nachweisen kann? Was mit der Frau, deren Name auf keinem Dokument steht, die aber den Acker bestellt, den der Mann verlassen hat? Was, wenn das System ausfällt, der Server streikt, der Strom fehlt, der Scanner die erdigen Finger nicht liest? Was, wenn der Bauer schlicht den Weg zum CSC nicht bezahlen kann?
Ich habe Experimente gesehen, die im Labor funktionierten. Saubere Daten, glatte Kurven, eindeutige Schlussfolgerungen. Dann kam die Feldphase. Dann die Menschheit. Dann die Fehler, die in keiner Tabelle stehen.
Man wird mir vorwerfen, rückständig zu sein. Ein Mann, der die Pfeife raucht, weil das Labor es verbietet. Ein Mann, der heute notiert, statt zu forschen. Aber ich notiere genau. Ich notiere, dass Narnaware den Donnerstag nennt, nicht den Montag. Ich notiere, dass die Registrierung über die CSCs läuft, jene Zentren, die der Staat längst an private Betreiber abgegeben hat. Ich notiere, dass der Bauer hingeht und bezahlt, um seine eigene Nummer zu erhalten, mit der er dann seine Subvention empfängt — eine hübsche Kreisbewegung des Geldes, das stets zuerst durch die Verwaltung fließt, ehe es beim Pflug ankommt.
Und ich notiere die letzte Zeile, die in jeder solchen Bekanntmachung steht: Bei Fragen wenden Sie sich an die Beamten auf Blockebene. Als ob die Beamten auf Blockebene nicht selbst die wären, die dieses System nicht vollständig erklären können.
Die Wissenschaft verspricht viel. 1937 versprach sie das Düngemittel ohne Boden, das Saatgut ohne Regen, die Ernte ohne Arbeit. Heute verspricht sie die Nummer ohne Mensch. Es ist immer dasselbe Lied, nur in einer anderen Tonart: zähle, ordne, entziehe. Der Bauer in Tiruppur wird registriert. Morgen wird er kontrolliert. Übermorgen wird er stillgelegt, sobald er aus der Reihe tanzt.
Wer hat das bezahlt, fragt der Reporter. Wer hat widersprochen, fragt der Reporter. Was wurde nicht gemessen, fragt der Reporter. Ich frage zum Schluss: Was geschieht, wenn die Ernte schlecht ausfällt und der Bauer seine Düngermenge nicht nachweisen kann, weil er im System schlicht als Nummer 4827 statt 4782 geführt wird?
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.