← Zurück zur Titelseite Vermischtes

DIE PATENTIERTE LEIDENSGESELLSCHAFT

28. März 2026 — — — Dr. L. Rath

Es gibt keine Krise der Pharmakonzerne. Es gibt nur die Krise derer, die sie verursacht haben. Johnson & Johnson, der Mann mit den drei Gesichtern – der Schmerzmittelbaron, der Impfstoffstrategie, der Rückrufvermeider – steht im Zentrum eines Systems, das Krankheit nicht heilt, sondern verwaltet. Und verwaltet wird nach Rendite, nicht nach Leben.

Die Opioid-Krise ist kein Unfall. Sie ist ein Geschäftsmodell. Seit den 1990ern hat J&J mit Dolophine (Hydrocodon), Duragesic (Fentanyl-Pflaster) und Nucynta (Tapentadol) Millionen von Menschen in den USA in eine Sucht getrieben, während die Firma in den Aufsichtsräten der Gesundheitsversorger saß und die Studien finanzierte, die ihre Sicherheit belegten. Die Beipackzettel warnten seit 2001 vor Missbrauch – doch die Patente liefen aus, und die Profiteure wechselten nur die Marke. 2023 kippte ein Gericht das Urteil, das J&J 57 Milliarden Dollar zahlen sollte. Warum? Weil die Jury die Verantwortung des Konzerns nicht klar genug benannte. Weil die Richter nicht fragten, wer die Studien bezahlte, die die Gefahren herunterspielten. Weil die Aufsichtsräte – immer dieselben Männer in Anzügen – die Beweise ignorierten, bis es zu spät war.

Und jetzt? Jetzt wird die Krise verhandelt. Nicht die Schuld, sondern die Zahlung. Die Opioid-Epidemie hat seit 2000 über eine Million Menschen das Leben gekostet. Doch die Patente auf die Wirkstoffe laufen aus, und die Pharmakonzerne suchen sich neue Felder. Pfizer, der Zohydro-Hersteller, der 2013 mit einem Opioid-Tabletten-Kombi-Präparat die Märkte überschwemmte, hat längst sein Portfolio diversifiziert. Doch die Mechanismen bleiben: Wer die Studien finanziert, schreibt die Diagnose.

Die mRNA-Impfstoffe sind das nächste Kapitel. Pfizer/BioNTech und Moderna passen ihre Vakzine an die Omikron-Untervarianten an – doch die Wirksamkeit wird nicht mehr in Studien gemessen, sondern in Marktanteilen. Die EMA prüft den LP.8.1-Impfstoff, während die Hersteller schon die nächste Anpassung planen. Die Frage ist nicht, ob die Impfstoffe funktionieren, sondern wie lange sie funktionieren – und wer die Patente hält, wenn die nächste Pandemie kommt. Die mRNA-Technologie ist ein Werkzeug, kein Heilmittel. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet nicht die Qualität, sondern der Preis.

Dann ist da noch Humira. Adalimumab, der TNF-α-Hemmer, der seit 2002 Millionen Patienten die Gelenke rettete – und Millionen Pharmakonzerne reich machte. Der Rückruf 2026 ist kein Zufall. Es gibt keine spezifischen Chargenangaben, weil es keine systematische Kontrolle gibt. Weil die Gelbe Liste die Rückrufe melden muss, aber die Aufsichtsbehörden die Daten nicht veröffentlichen. Weil die Patente auf Biologika seit Jahren auslaufen, und die Generika-Hersteller die Lücken füllen – doch die Preise bleiben hoch, weil die Marktmacht bleibt. Humira war einst ein Blockbuster – heute ist es ein Symbol. Für ein System, das Krankheit nicht heilt, sondern verlängert.

Die offene Frage ist nicht, wer schuldig ist. Die Frage ist: Wer profitiert? Die Aufsichtsräte von J&J, Pfizer und Moderna sitzen in denselben Gremien wie die Versicherer, die die Kosten tragen. Die Studien werden von den Herstellern finanziert, die Aufsichtsbehörden von der Industrie beraten. Und die Patienten? Die Patienten sind die Variable. Die Kosten-Nutzen-Rechnung wird nicht in Euro, sondern in Lebensjahren gemacht.

Es gibt keine Krise der Pharmakonzerne. Es gibt nur die Logik der Pharmakonzerne. Und die lautet: Krankheit ist ein Geschäft. Und wer sie kontrolliert, kontrolliert die Welt.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite