DIE PUMPE STEHT. DIE RECHNUNG AUCH.
Der Hahn dreht sich nicht mehr. Nicht so, wie er es immer getan hat. Früher war es ein einfaches Spiel: Du füllst den Tank, der Mann hinter der Theke nickt, du zahlst, er zählt die Scheine, und wenn du Glück hast, gibt’s noch einen Blick in die Zeitung, die auf dem Regal liegt – Wall Street Journal oder Texas Monthly, je nachdem, ob der Betreiber heute mit den Großhändlern telefoniert oder sich über die neuesten Ölpreise aufschreibt. Jetzt? Jetzt ist alles anders.
Seit die Einmal-täglich-Regel auf den deutschen Tankstellen durchgewinkt wurde, ist der Sprit teurer geworden. Nicht um ein paar Cent. Nicht um eine lächerliche Inflationsrate. Sondern um genug, um dass ein Arbeiter in der Stahlhütte in Duisburg sich fragt, ob er heute Abend noch die Heizung anmacht. Um genug, um dass ein LKF-Fahrer aus Niedersachsen überlegt, ob er die nächste Lieferung überhaupt annimmt. Und um genug, um dass die Konzerne – ja, die Konzerne – ihre Börsenkurse wieder nach oben treiben wie ein Schiff, das sich aus dem Sand zieht.
Ich kenne das Spiel. Ich habe es auf den Feldern von Texas gespielt, wo die Männer in den Overalls die Erde aufreißen und die Frauen in den Kantinen der Bohrinseln wissen, dass der nächste Gehaltscheck kommt, wenn der Ölpreis über 80 Dollar steigt. Hier in Deutschland ist es nicht anders. Nur dass hier die Politik den Hahn aufdreht, während die Lobbyisten in ihren Anzügen schon die nächsten Dividenden planen.
Die Regel ist simpel auf den ersten Blick: Einmal täglich darf der Spritpreis neu berechnet werden. Klingt wie ein technischer Kniff, als ob jemand die Uhrzeit auf der Tankstelle umgestellt hätte. Aber es ist kein Kniff. Es ist ein Hammer. Und der trifft genau dort, wo es wehtut: bei den Verbrauchern, den kleinen Händlern und den Arbeitern, die am Ende der Lieferkette stehen.
Früher war der Spritpreis ein lebendiges Ding. Er schwankte, ja. Aber er hatte Rhythmus. Die großen Raffinerien – Shell, BP, TotalEnergies – sie pumpten ihr Öl durch die Pipelines, die Händler kaufte ein, der Tankstellenbetreiber verkaufte, und irgendwo in der Mitte blieb ein bisschen Gewinn für alle. Nicht viel. Aber genug, um zu überleben. Jetzt? Jetzt ist der Preis ein Algorithmus, der jeden Morgen um 6 Uhr morgens neu hochgefahren wird. Und wenn der Ölpreis an der Börse in New York oder die CO2-Zertifikate in Amsterdam steigen, dann steigt er mit. Punkt. Kein Verhandeln. Kein Feilschen. Kein Mitleid.
Ich war mal auf einer Tankstelle in Odessa, Texas. Ein Typ namens Earl hatte den Laden seit 1978. Er erzählte mir, wie die großen Konzerne damals kamen und ihm sagten: „Wir kaufen dein Öl billig, aber wir zahlen dir nur, wenn wir wollen.“ Earl lachte. „Und heute?“ fragte ich. „Heute zahlen sie mir gar nichts mehr. Sie lassen mich nur noch den Sprit verkaufen, den sie mir teurer einpreisen, als ich ihn kaufen kann.“ Genau das passiert jetzt hier. Die großen Player – die gleichen, die seit Jahrzehnten die Preise diktieren – sie haben die Regeln geändert, damit sie mehr nehmen können. Und die kleinen Betreiber? Die sind jetzt die neuen Earls. Die zahlen die Zeche.
Die Konsequenzen? Die sieht man überall. Der LKW-Fahrer aus Bremen, der mir letzte Woche im Biergarten sagte, er fahre jetzt nur noch alle zwei Tage, weil die Spritkosten seine Marge auffressen. Die Hausfrau aus Frankfurt, die mir erzählte, sie spare jetzt beim Heizöl, weil der Diesel für den alten VW Golf zu teuer geworden ist. Und die Politiker? Die stehen da und winken ab. „Das ist Markt“, sagen sie. „Das ist Globalisierung.“ Als ob sie nicht wüssten, dass der Markt nicht fair ist. Als ob sie nicht wüssten, dass die Globalisierung ein zweischneidiges Schwert ist – und dass die Schneide immer in die Hand derer geht, die schon reich sind.
Ich habe mit einem Tankstellenbetreiber in Bayern gesprochen. Er heißt Klaus. Er hat 15 Jahre in der Branche gearbeitet, bis zu dem Tag, an dem die Einmal-täglich-Regel kam. „Früher“, sagt er, „konnte ich noch ein bisschen handeln. Jetzt? Jetzt ist der Preis wie ein Schlag ins Gesicht. Ich muss jeden Morgen checken, ob ich überhaupt noch offen habe. Und wenn der Diesel heute bei 2,10 Euro liegt, dann weiß ich: morgen ist er bei 2,15. Und übermorgen bei 2,20. Und irgendwann fragt sich der Kunde, warum er hier tanken soll, wenn er beim nächsten Supermarkt um die Ecke 10 Cent weniger zahlt.“ Klaus hat recht. Die Kunden gehen. Und die großen Ketten – die Shells, die Aral, die OMV – sie lachen sich ins Fäustchen. Denn sie haben die Pipelines. Sie haben die Raffinerien. Sie haben die Verbindungen zu den Politikern, die die Regeln machen.
Aber es geht nicht nur um die Preise. Es geht um Macht. Und um die Frage, wer sie hat. Die Einmal-täglich-Regel ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Jahren des Lobbyismus, von Hinterzimmertreffen und von Entscheidungen, die in Boardrooms getroffen werden, während die Arbeiter in den Ölfeldern oder die Tankstellenbetreiber in ihren kleinen Läden um die Wette kämpfen.
Ich kenne die Männer, die diese Entscheidungen treffen. Ich kenne ihre Namen. Ich kenne ihre Familien. Und ich kenne ihre Tricks. Sie sagen, sie wollen „Transparenz“. Sie wollen „Markteffizienz“. Aber was sie wirklich wollen, ist mehr. Sie wollen, dass die kleinen Fische schwimmen, bis sie erschöpft sind. Sie wollen, dass die Verbraucher spüren, wie hilflos sie sind. Und sie wollen, dass die Politik ihnen in die Tasche greift, wenn es mal wieder kracht.
Denn eines ist sicher: Wenn die Preise weiter steigen, dann wird irgendwann jemand schreien. Und dann wird die Politik handeln. Aber nicht, weil sie es gut findet. Sondern weil sie muss. Weil die Wut der Menschen zu groß wird. Weil die Straßen voller Demonstranten sind. Weil die Arbeiter nicht mehr stillhalten.
Ich trinke kein Bourbon. Aus Prinzip. Aber ich trinke Bier. Und ich trinke es mit den Männern, die noch an die Tankstelle glauben. Mit denen, die noch kämpfen. Mit denen, die noch wissen, dass Energie nicht nur ein Wirtschaftsfaktor ist. Sondern ein Leben. Ein Job. Ein Stück Heimat.
Die Einmal-täglich-Regel ist ein Angriff. Nicht auf die Wirtschaft. Sondern auf die Menschen. Und solange die Konzerne die Regeln schreiben, solange die Politiker ihnen in die Hände arbeiten und solange die Verbraucher denken, sie könnten nichts tun, wird der Sprit teurer werden. Immer teurer.
Bis irgendwann einer aufhört zu zahlen. Und dann? Dann dreht sich der Hahn. Und dann ist es zu spät.