DIE STIMME DES WINTERS SCHREITET DURCH LEERE STRASSEN
Der Schnee fällt nicht mehr. Er klebt. An den Laternen. An den Schuhsohlen. An den Lippen der Frauen, die hier stehen bleiben, als wäre das Atmen ein Verrat. Ich stehe vor dem Fenster, die Finger um den dampfenden Becher, der eigentlich Kaffee sein sollte, aber nach verbranntem Zucker schmeckt wie die Worte, die ich heute nicht finden werde. Draußen hört der Regen auf, aber der Himmel bleibt nass wie ein Tuch, das man zu lange in der Pfütze liegen lässt. Die Straßenlaternen flackern. Nicht aus Mangel an Strom – nein, sie flackern, weil jemand sie will, dass sie flackern. Weil das Flackern ein Versprechen ist. Ein schwaches, aber es ist da.
Gestern Abend noch hat die Frau im Café unten gesungen. Evelyn, die immer singt, egal ob die Bomben fallen oder nicht. Ihr Lied war alt, so alt wie die Wunden, die wir uns gegenseitig zufügen. "Die Zeit heilt alles", sang sie, und ich wollte ihr ins Gesicht spucken. Nicht aus Bosheit. Sondern weil ich wusste, dass sie lügt. Die Zeit heilt nichts. Sie frisst nur. Sie frisst die Narben, bis nur noch ein roter Fleck bleibt, der sich nicht mehr schließen lässt.
Draußen geht ein Mann vorbei. Er trägt einen Mantel, der zu groß für ihn ist, als hätte er ihn von einem Toten geklaut. Sein Gesicht ist eine Maske aus Eis. Er trägt nichts in den Händen. Keine Tasche. Kein Paket. Nur diese leere Maske. Ich frage mich, ob er weiß, dass er gerade durch eine Stadt geht, in der jeder Schritt ein Risiko ist. Nicht nur das Risiko zu sterben. Sondern das Risiko, dass der Tod zu früh kommt. Dass er einen verschont, nur um ihn später, in einer anderen Form, zu holen.
Die Luft riecht nach Benzin und verbranntem Fleisch. Nicht von einem Brand. Sondern von den Autos, die stehen bleiben, weil die Straßen zu voller sind. Weil die Menschen stehen bleiben, weil sie nicht wissen, wohin sie laufen sollen. Die Hoffnung ist ein seltsames Ding. Sie sitzt in uns wie ein Fremder, der uns um Erlaubnis klopft, einzuziehen. Manchmal lässt man sie herein. Manchmal wirft man sie raus. Manchmal – und das ist das Schlimmste – manchmal vergißt man sie einfach. Und dann bleibt nur das Gefühl, dass etwas fehlt. Dass etwas sollte da sein. Dass es sollte warm sein. Dass es sollte sicher sein.
Ich habe heute Morgen einen Brief gefunden. Nicht unter der Tür. Nicht in der Post. Sondern zwischen den Seiten eines Buches, das ich vor Jahren gekauft habe. Ein altes Gedicht. Von einem Mann, der vor hundert Jahren starb. Er schrieb über die "stille Agonie der Hoffnung". Ich habe gelacht. Dann habe ich geweint. Weil ich wusste, dass er recht hatte. Die Hoffnung ist eine Agonie. Sie ist das Warten auf etwas, das vielleicht nie kommt. Sie ist das Halten der Luft an, während man wartet, ob der nächste Zug kommt. Ob das nächste Leben. Ob das nächste etwas.
Draußen geht ein Kind vorbei. Es trägt eine Jacke, die zu klein für es ist. Es hält die Hände in den Taschen, als würde es versuchen, etwas zu bewahren. Etwas, das es nicht hat. Etwas, das es nie haben wird. Ich denke an die Römer. An ihre Kinder, die in den Ruinen spielten, während die Legionen kämpften. An die Deutschen im letzten Krieg, die in den Kellern saßen und auf die Mütter warteten, die nie zurückkamen. Die Hoffnung ist ein universelles Ding. Sie ist alt wie die Steine. Sie ist alt wie der Schmerz.
Jetzt sitze ich hier. Die Schreibmaschine klackert. Die Tinte ist fast leer. Ich tippe nicht. Ich schreibe. Weil ich weiß, dass die Worte, wenn sie einmal auf dem Papier sind, nicht mehr verschwinden. Nicht so wie die Menschen. Nicht so wie die Hoffnung. Nicht so wie der Schnee, der schmilzt und nichts hinterlässt.
Draußen beginnt es wieder zu regnen. Nicht der Regen von gestern. Sondern ein anderer. Ein leiserer. Einer, der sich anschleicht wie ein Dieb in der Nacht. Ich trinke meinen Kaffee. Er ist kalt. Wie die Welt. Wie die Worte, die ich heute schreiben werde.
Und dann – nur für einen Moment – glaube ich, dass es vielleicht doch ein Ende gibt. Dass die Hoffnung nicht immer eine Agonie ist. Dass sie manchmal einfach nur da ist. Wie das Licht, das durch das Fenster fällt. Wie der Atem, der in der Kälte dampft. Wie das Leben, das weitergeht. Auch wenn es wehtut.