DIE DRÄHTE ZERREISSEN DIE ALTER
Die Drähte knirschen, wenn man zu laut nach den Kindern fragt. In Berlin, wo Karin Prien mit ihrer Familienministerin-Miene die 14-Jährigen aus den sozialen Netzwerken verweisen will, klingt das nach Fortschritt. In Delhi, wo ein Bundesstaat die 16-Jährigen gleich ganz abschneiden will, ist es ein Schlag ins Gesicht der Jugend. Und in London? Da lacht man nur – das Unterhaus hat die Verbote abgestimmt wie einen alten Schalter: aus. Drei Länder, drei Antworten auf dieselbe Frage: Wie viel Kontrolle ist noch Demokratie?
Die Technik steht bereit. Biometrische Alterserkennung via Gesichtserfassung, Fingerabdruckscanner an den Bildschirmen, KI, die in Echtzeit das Alter eines Nutzers durch Klanganalyse der Stimme oder Gangart schätzt. In China funktioniert das schon seit Jahren – dort wird die Sozialkredit-App nicht nur für Kredite, sondern auch für Internetzugang genutzt. Doch hier, in Europa und Indien, geht es nicht um Punkte in einem System. Es geht um Verbote. Um die Frage, wer entscheidet, wann ein Kind zum Erwachsenen wird – und wer dafür zahlt, wenn die Drähte brechen.
Prien spricht von „digitalem Wahnsinn“. Günther nennt es „Schutz vor Ausbeutung“. Doch wer schützt vor dem Wahnsinn der Kontrolle selbst? Die Experten, die gerade die Verfassungsmärsche der Verbote prüfen, stoßen auf ein Dilemma: Ein generelles Verbot für Minderjährige? Das wäre ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, so das Bundesverfassungsgericht. Ein Altersnachweis? Dann müsste man die Plattformen selbst regulieren – und die haben kein Interesse daran, dass ihre Nutzerzahlen schrumpfen. Facebook & Co. zahlen lieber Millionen an Lobbyisten, als ihre Algorithmen zu ändern, die Jugendliche mit doppelter Geschwindigkeit in die Abgründe der Aufmerksamkeit reiten.
In Indien wird die Debatte brutaler geführt. Ein Bundesstaat will die Jugendlichen einfach ausschalten. Kein Altersnachweis, kein Kompromiss – nur ein Knopfdruck, und die Apps fallen für die Unter-16-Jährigen weg. Die Argumentation? „Zu viel Zeitverschwendung. Zu gefährlich.“ Doch wer entscheidet, was „zu gefährlich“ ist? Die Eltern? Die Regierung? Oder die Konzerne, die längst wissen, dass die jüngsten Nutzer die wertvollste Zielgruppe sind? Die Daten von Kindern unter 13 Jahren sind auf dem Schwarzmarkt der Tech-Branche besonders begehrt – weil sie noch keine Ahnung haben, dass sie verkauft werden.
Und dann sind da noch die Rechenzentren. Während in Berlin über Verbote gestritten wird, bauen deutsche Serverfarmen weiter – klimakritisch, energiehungrig, mit Strom aus Kohlekraftwerken. Die KI, die eines Tages vielleicht die Alterskontrollen durchführen soll, wird in diesen Hallen gerechnet. Wer profitiert davon? Nicht die Kinder. Nicht die Familien. Sondern die, die die Infrastruktur besitzen: die Konzerne, die Staaten, die Energieversorger. Die gleiche Logik, die uns sagt, wir müssten die Jugendlichen beschützen – während wir gleichzeitig ein System am Laufen halten, das sie ausbeutet.
Die Verfassungsrichter werden sich die Köpfe zerbrechen. Die Politiker werden weiter reden. Die Jugendlichen? Die werden weiter posten. Bis eines Tages jemand merkt, dass die Drähte nicht nur die Kinder kontrollieren – sondern dass sie uns alle umschlingen, wenn wir nicht aufpassen.