Drei Tote, keine Daten. Australiens Haie und das Schweigen der Behörden
Perth, Dezember. Der Indische Ozean riecht nach Salz und nach dem, was die Statistiker „Variablen" nennen. Ich rieche Blut. Im Hafen schaukeln Boote mit Art-Deco-Linien, als wäre Schönheit noch eine Verteidigung. Ist sie nicht.
Drei tödliche Haiangriffe in weniger als einem Monat. An der Westküste Australiens. Ein 35-jähriger Speerfischer, zerrissen von einem mutmaßlichen 4,5-Meter-Tier — die Behörden sprechen von „vermutet", als wäre das ein Trost für eine Familie, die gerade einen Tischdeckel zu wenig hat. Drei Tote. Drei Datenpunkte in einer Reihe, die offiziell nicht existieren soll.
Die Erklärungen kommen schnell. „Seltene Vorfälle", sagt das Western Australian Department of Fisheries. „Extrem unwahrscheinlich", ergänzt ein Sprecher, den ich nicht zu Gesicht bekomme — nur eine Stimme am Telefon, glatt wie ein gehobeltes Brett. Man empfiehlt: Schwimmen Sie nicht bei Dämmerung. Tragen Sie keine glänzenden Objekte. Gehen Sie nicht ins Wasser. Als wäre der Hai ein Kind, das man mit Verboten erziehen kann. Als wäre der Mensch nicht seit hundert Jahren in diesem Wasser und hätte es nicht seit dreißig Jahren umgegraben.
Aber ich notiere seit dreißig Jahren. Und ich notiere auch, was fehlt.
Die Angriffe häufen sich nicht zufällig. Sie häufen sich dort, wo die kommerzielle Fischerei über Jahre hinweg mit Speeren, Langleinen und Schleppnetzen gearbeitet hat. Wo Beifang — jene ungewollten Fänge, die zurück ins Meer geworfen werden, oft tot oder sterbend, oft gerade groß genug, um einen Hai neugierig zu machen — die Nahrungskette verschiebt. Wo Haie, die einst in tieferen Gewässern jagten, näher an die Küste gedrängt werden, weil ihre Beute verschwunden ist oder sich in andere Zonen geflüchtet hat. Das ist keine Hypothese. Das ist Ökologie, wie sie in jedem Lehrbuch steht, das nicht von der Industrie gesponsert wird. Und die Industrie sponsert gern.
Was fehlt, sind die Zahlen.
Subventionen für die kommerzielle Fischerei in Western Australia — wie viel, an wen, mit welchen Auflagen? Die offiziellen Berichte schweigen sich aus. Das Department of Fisheries veröffentlicht Fangkontingente für die wertvollen Arten, aber keine vollständige Aufschlüsselung der Beifangstatistiken der letzten fünf Jahre. Keine Daten zu verwaisten Fanggeräten, die als „Geisternetze" weiter töten. Keine Zahlen zu Speerfischerei-Lizenzen, die zunehmend auch an kommerzielle Operatoren vergeben werden — obwohl das Wort „Sport" noch im Formular steht. Eine Leerstelle, so groß wie der Kontinent selbst.
Ich habe bei CSIRO angefragt. Unabhängige Wissenschaftler, dachte ich. Endlich Quellen ohne Auftraggeber im Hintergrund. Die Antwort kam postwendend, fast schon freundlich: „Daten werden derzeit überprüft." Überprüft. Seit acht Monaten. Ich frage mich, wer da prüft. Und wer prüft die Prüfer. Und ob die Prüfung vielleicht in einem anderen Gebäude stattfindet, mit anderen Mitteln, unter anderen Bedingungen.
Greenpeace Australia legt Zahlen vor, die das Department nicht vorlegen will. Demnach hat die Beifangrate für Haie in der Region in den letzten fünf Jahren um fast 40 Prozent zugenommen. 40 Prozent. Eine Verdoppelung des Drucks auf eine Population, die sich biologisch nur quälend langsam erholt. Haie sind keine Sardinen. Sie brauchen fünfzehn Jahre, um geschlechtsreif zu werden. Sie werfen wenige Junge. Sie sind, genetisch betrachtet, das Gegenteil eines profitablen Bestands — und genau deshalb die Spezies, die man am leichtesten ausbeuten kann, ohne dass es im laufenden Quartal auffällt.
Und hier beginnt die eigentliche Geschichte, die in keinem der offiziellen Berichte steht.
Die Fischereiindustrie weiß das. Sie hat es immer gewusst. Aber Wissen ist eine Ware, und Ware wird gehandelt. In den Lizenzbedingungen, die das Department of Fisheries vergibt, finden sich Klauseln — ich habe sie gelesen, sie sind öffentlich, man muss nur suchen, und genau das ist der Trick — die kommerzielle Fänge in Küstennähe erlauben, wo einst nur Sportfischer aktiv waren. Die Grenzen zwischen „Speerfischerei als Freizeitbeschäftigung" und „Speerfischerei als kommerzielles Unterfangen" sind fließend. So fließend wie das Blut im Wasser, das die Haie anzieht. So fließend wie das Geld, das in keine Bilanz fließt, die wir einsehen dürfen.
Die offiziellen Berichte sprechen von „Einzeltieren". Von „Fehlverhalten" der Schwimmer. Von „unwahrscheinlichen Wiederholungen". Sie sprechen nicht von den Lizenzbedingungen. Sie sprechen nicht von den Subventionen, deren genaue Höhe sich hinter dem Sammelposten „Förderung der regionalen Wirtschaft" versteckt. Sie sprechen nicht davon, dass die Haiwanderungen sich verändert haben, weil die Fischereiflotten die Wanderrouten der Beutefische gekappt oder verlegt haben.
Das ist die Metapher, nicht wahr? Die Haie sind nicht das Problem. Die Haie sind der Indikator. Sie zeigen uns, wohin sich das Ökosystem bewegt, wenn wir eine Spezies entfernen, die andere Spezies kontrolliert. Wenn wir die Pyramide von oben abtragen, fallen die mittleren Ebenen in sich zusammen, und am Ende stehen wir im knietiefen Wasser und fragen uns, warum die Spitze der Nahrungskette plötzlich hungrig wird. Warum sie plötzlich dort auftaucht, wo wir schwimmen. Warum sie uns plötzlich wie Beute behandelt.
Ich erinnere mich an Versprechen. 1998 versprach die australische Fischereiverwaltung, die Beifangstatistiken vollständig zu veröffentlichen. 2015 versprach man ein zentrales Register. 2022 versprach man Transparenz im Rahmen einer „Modernisierung der Berichterstattung". Die Versprechen sind gut dokumentiert. Sie stehen in Pressemitteilungen, die noch online abrufbar sind. Die Daten, die folgen sollten, sind es nicht.
Was bleibt? Drei Tote. Ein Ozean, der sich verändert. Eine Industrie, die ihre Bilanzen schützt wie ein Bankschließfach. Und eine Öffentlichkeit, die auf die falsche Frage starrt — „Warum greifen Haie an?" — statt auf die richtige: „Was haben wir aus dem Wasser geholt, das sie nicht mehr dort finden, und wer hat uns erlaubt, es herauszuholen?"
Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Die Asche fällt in einen Aschenbecher, der aussieht wie ein Miniaturhai aus den dreißiger Jahren, Messing, patiniert, vom Flohmarkt. Ironie des Schicksals. Oder Ironie der Industrie. Oder einfach nur das, was passiert, wenn man zu lange hinschaut.
Wenn die Beifangstatistiken der letzten fünf Jahre so harmlos sind, wie das Department of Fisheries behauptet — warum werden sie dann nicht veröffentlicht, und wer entscheidet eigentlich, was wir über unser eigenes Meer wissen dürfen?