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Tod einer afghanischen US-Ortskraft in ICE-Gewahrsam

23. März 2026 — — — M. Silber

Amin zeigt mir die Narben an seinen Handgelenken. „Die Wärter in der Erstaufnahme haben gesagt, wenn wir uns nicht stillhalten, fliegen wir nach Syrien zurück.“ Er sagt es mit dieser leisen, gebrochenen Stimme, als wäre das schon längst eine Tatsache. „Aber wir sind nicht nach Syrien geflohen.“ Die Worte hängen in der Luft wie Rauch. Syrien. Ein Wort, das hier in Europa plötzlich wieder klingt, als wäre es nie weg gewesen.

Ich frage ihn nach Paragraf 55. Er zuckt zusammen. „Der Paragraf, der sagt, wir sind nicht sicher? Aber wo sind wir dann sicher? In Afghanistan? Dort haben sie meine Schwester vergewaltigt, weil sie eine Frau ist. Dort haben sie meinen Bruder gehängt, weil er ein Buch gelesen hat.“ Seine Stimme wird fester. „Und jetzt sagen sie mir, ich soll dorthin zurück. Als ob ich eine Wahl hätte.“

Draußen vor dem Zentrum steht Leila, eine Kurdin aus dem Irak. Sie hat mir gestern geholfen, ein Formular für eine Familie aus Syrien auszufüllen, deren Antrag abgelehnt wurde. „Die Beamten haben gesagt, sie hätten keine Beweise, dass sie wirklich aus dem Bürgerkrieg fliehen wollten. Aber woher sollen sie Beweise haben? Die Bomben fallen nicht auf ihre Adresse. Die Bomben fallen auf ihre Kinder.“ Leila reibt sich die Schläfen. „Ich habe drei Monate gebraucht, um zu verstehen, dass sie uns nicht helfen wollen. Sie wollen nur, dass wir verschwinden.“

Ich denke an die Zahlen. Die offiziellen Zahlen. Die Zahlen, die Europa sich selbst gibt, um sich zu beruhigen. 140.000 Asylanträge im letzten Jahr. 140.000 Schicksale, die in Akten verschwinden. 140.000 Menschen, die sich fragen, ob sie morgen noch existieren. Amin hat mir gezeigt, wie er seine Söhne im Schlaf hält, damit sie nicht die Geräusche hören – die Schläge an der Tür, die Schreie der anderen, die nachts weinen, weil sie wissen, dass sie hier nicht bleiben dürfen.

Vor einem Jahr war ich in Calais. Damals haben sie die Camps abgerissen und die Menschen in die Dünen getrieben. „Wir sind nicht Tiere“, hat mir ein Mann gesagt, während er seinen Sohn im Arm hielt, der nach Benzin roch, weil sie sich in einem Container versteckt hatten. „Aber wir sind auch keine Gäste.“* Jetzt sitzen sie in Wien. In Berlin. In München. In den Bürokratie-Maschinen, die langsam, aber sicher entscheiden, wer bleibt und wer verschwindet.

Ich frage Amin, ob er Angst hat. Er schaut mich an, als wäre das die dummste Frage der Welt. „Angst? Ich habe Angst, wenn ich schlafe. Ich habe Angst, wenn ich aufwache. Ich habe Angst, wenn sie an meine Tür klopfen und sagen: Packen Sie Ihre Sachen. Sie werden in die Nacht geschickt.“ Er steht auf, geht zum Fenster. Draußen regnet es. „Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass sie uns sagen, wir sollen geduldig sein. Als ob Geduld etwas wäre, das man sich leisten kann, wenn man keine Zukunft hat.“

Leila bringt mir Kaffee. Schwarz. Ohne Zucker. „Trink ihn. Du siehst aus, als könntest du einen brauchen.“ Ich trinke. Der Kaffee brennt. Wie alles, was hier passiert.

Ich denke an die Paragrafen. Paragraf 35. Paragraf 36. Paragraf 51. Die Paragrafen, die entscheiden, wer Schutz verdient und wer nicht. Die Paragrafen, die in den Köpfen der Beamten zu Zahlen werden. „Ein Fall. Ein Fall. Ein Fall.“ Als wären sie nur Fälle. Als wären sie nicht Menschen.

Draußen auf der Straße sehe ich eine Frau mit einem Kinderwagen. Das Kind schreit. Die Mutter redet leise mit ihr. „Alles wird gut“, sagt sie. „Alles wird gut.“* Ich weiß nicht, ob sie es glaubt. Ich weiß nur, dass ich seit Jahren nicht mehr an so etwas glaube.

Amin fragt, ob ich ihm helfen kann. „Ich brauche einen Anwalt. Einen guten. Einen, der nicht sagt: ‚Setzen Sie sich hin und warten Sie.‘“ Ich sage ihm, dass ich ihm einen Namen geben werde. Einen Namen, der nicht in einem Aktenordner verschwinden wird.

Leila fragt, ob ich ihr helfen kann, eine Familie in Deutschland zu finden. „Die Beamten haben gesagt, sie können nichts tun. Aber ich habe eine Tante in Hamburg. Sie hat mir geschrieben. Sie sagt, sie hat Platz. Aber die Papiere…“ Ich sage ihr, dass ich ihr helfen werde. Dass ich nicht aufhöre, bis sie eine Antwort hat.

Draußen wird es dunkel. Die Straßenlaternen flackern. Irgendwo in Europa wird gerade ein neues Gesetz beschlossen. Ein Paragraf. Ein weiterer Paragraf. Ein weiterer Haken in der Maschine, die Menschen zermalmt.

Ich schließe den Koffer unter meinem Schreibtisch. Für alle Fälle.

✦ Ende des Artikels ✦
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